Es gibt beim Radfahren ja Steigungen, bei denen man denkt: Na gut, ein bisschen bergauf, das schaffen wir schon. Und dann gibt es Steigen, zumindest in Schwaben. Ich habe inzwischen den Verdacht, dass das in Schwaben einfach eine andere Bezeichnung für sacksteil ist.
Jedenfalls begrüßt uns die Strecke beim Sugerle gleich zu Beginn mit nassem Kopfsteinpflaster und einer Steigung von 22 Prozent. Dani und ich müssen nicht lange überlegen, wir steigen ab und schieben. Wobei ich im Schieben meines Gravelbikes ja mittlerweile schon viel Erfahrung gesammelt habe. Egal in welchem Gelände. Immerhin müssen wir unser Rad nicht über querliegende Bäume heben.
Die ersten Kilometer führen uns durch den Wald, vorbei an Mammutbäumen und später auch am Flughafen entlang. Dani hat am Flughafen eine geniale Umleitung ausgetüftelt, und zwischendurch überholen wir einen anderen Teilnehmer mit zwei ziemlich großen Packtaschen. Zwei Packtaschen für diese Runde … was der wohl alles dabeihat? Andererseits sollte ausgerechnet ich mit meinem halben Kleiderschrank im Gepäck vielleicht besser still sein 😂.
Lakritz, nasse Handschuhe und die Lenninger Steige
Nach ungefähr 30 Kilometern kommen wir zum ersten Checkpoint, Hardys Bikeshop. Hier gibt es Lakritz und Wasser und bei Bedarf technischen Bikesupport. Ich trinke erst einmal einen halben Liter Wasser, denn ich trinke während der Fahrt meistens nicht so viel, weil ich keinen Trinkrucksack dabeihabe, sondern nur eine Flasche.
Weniger schön sind meine nassen Handschuhe, die inzwischen so richtig schön klamm geworden sind, nachdem ich sie ausgezogen habe. Kennt ihr das, wenn man in ein feuchtes Kleidungsstück hineinschlüpfen muss und sich wirklich alles dagegen sträubt? Aber ohne Handschuhe weiterzufahren ist bei diesen Temperaturen keine Option. Also Augen zu und durch.
Anschließend wartet die Lenninger Steige auf uns, und die hat es wirklich in sich. Ich habe mir vorgenommen, vor jedem langen Anstieg vorher etwas zu essen und zwischendurch immer ein paar Nüsse, Gummibärchen o.Ä. aus meiner Pouchbag zu essen. UND: Bloß nicht zu viel darüber nachdenken, wie viele Kilometer und Höhenmeter noch vor uns liegen. Allerdings mag ich Anstiege sowieso sehr gern. Da bin ich als Oberland-Gämse eher in meiner persönlichen Komfortzone, was das Gelände anbelangt.
Nachdem wir oben angekommen sind, geht es über eine Wiese bergab. Das stellt sich als ziemlich rutschige und auch schlammige Angelegenheit heraus. So eine Wiese sieht aus einiger Entfernung ja meistens vollkommen harmlos aus. Grün, idyllisch, vielleicht ein paar hübsche Blümchen. Dass sie sich mit einem Gravelbike bei Nässe durchaus als Herausforderung entpuppen kann, merkt man erst, wenn man mittendrin ist.
An sich verschwimmen bei solchen langen Touren im Nachhinein in meinem Gedächtnis ganze Streckenabschnitte, während andere Momente ganz klar im Gedächtnis bleiben. Ich könnte inzwischen nicht mehr jede Kurve und jeden Anstieg aufzählen, aber an diese rutschige Wiese erinnere ich mich noch ziemlich gut.
Flachswickel und eine erfreuliche Rechnung
Nach der Lenninger Steige erreichen wir bei Kilometer 70 unseren zweiten Checkpoint bei der Bäckerei Scholderbeck. Dort gibt es süße Flachswickel, und die sind wirklich megalecker!
Ich trinke wieder einen halben Liter Wasser und kaufe mir außerdem eine Käsestange mit Zucchini und Paprika. Nach den vielen süßen Sachen, die man während einer solchen Tour ständig in sich hineinstopft, tut etwas Herzhaftes unglaublich gut.
Bei der Bäckerei treffen wir andere Sugerle-Teilnehmer, unter anderem ein nettes Paar aus Peiting (Andreas kennen wir schon vom Albpacka) und ein Vater-Sohn-Gespann. Das mag ich an diesen Veranstaltungen besonders: Man kommt immer wieder mit netten Menschen ins Gespräch, die irgendwie genauso verrückt sind wie man selbst.
Inzwischen hat es auch aufgehört zu regnen, das Wetter wird deutlich freundlicher und es sieht sogar so aus, als könnte die Sonne herauskommen. Und dann fange ich an zu rechnen. Für ungefähr 70 Kilometer haben wir fünf Stunden gebraucht. 🧐 Wenn wir dieses Tempo beibehalten, müssten wir die 290 Kilometer doch eigentlich in gut 20 Stunden schaffen. Das klingt
hervorragend!
Dass noch jede Menge Höhenmeter auf uns warten, wir irgendwann durch die Nacht fahren und möglicherweise nach 200 Kilometern nicht mehr ganz so flott unterwegs sein werden wie jetzt, lasse ich bei meiner Berechnung großzügig außer Acht. Man muss sich ja auch mal über etwas freuen dürfen.
Ein bisschen wie Hase und Igel
Weiter geht es durch die Weinberge in Richtung Kleinheppacher Kopf. Die Landschaft ist wunderschön, das Wetter inzwischen richtig angenehm und ich genieße es sehr, hier unterwegs zu sein.
Immer wieder begegnen wir anderen Teilnehmern, die teilweise völlig andere Wege fahren als wir. Bei einer Veranstaltung mit freier Routenwahl ist das schon eine lustige Angelegenheit. Man überholt jemanden, der dann irgendwo in einen Waldweg abbiegt, fährt selbst auf der Straße weiter und trifft denselben Menschen plötzlich wieder. Wo kommt der denn jetzt schon wieder her? Und warum biegt er links ab und wir rechts?
Besonders amüsant finde ich das bei einem sympathischen Paar aus Bonn, mit dem wir uns später noch im Ziel unterhalten. Die beiden verschwinden immer irgendwo gefühlt in die entgegengesetzte Richtung wie wir und tauchen ein Stück weiter beim nächsten Parcours dann wieder auf. Ein bisschen wie bei der Geschichte vom Hasen und vom Igel. Ich glaube, insgesamt wären wir langsamer als die zwei, habe aber den Eindruck, sie nehmen mehr Gelände mit 😊. Das haben wir beim Albpacka auch sehr gern gemacht 😊.
Dieses Mal glaube ich, dass unsere Routenplanung ganz gut ist und wir haben wesentlich weniger Gravelpassagen als beim Albpacka, aber vielleicht haben die anderen doch bessere Abkürzungen gefunden?
Hm … man weiß ja nie.
Aber meine ausgesprochenen Gedanken um potenzielle Abkürzungen erstickt Dani liebevoll im Keim und wir bleiben auf Track. Was ja auch Sinn macht.
Und genau das ist ja auch das Witzige an solchen Veranstaltungen. Alle Wege führen nach Rom … oder Schopfloch … oder Marienburg.
Stuttgart und zu viele Stuttgarter auf der Straße
Auf dem Weg zur Grabkapelle kommen wir auch am Stuttgarter Wasen vorbei, zumindest können wir die Fahrgeschäfte immer wieder sehen. Das ist ein bisschen kurios, weil wir damit schon wieder ganz in der Nähe unseres Ausgangspunkts sind. Streckentechnisch sind wir allerdings noch lange nicht fertig.
An der Grabkapelle werden wir von ein paar Jungs begeistert angefeuert beim “Gipfelendspurt”. Danke dafür, liebe Ems-Radler! 😊 So lasse ich mir einen Kontrollpunkt gefallen.
Wenig später stehen wir auf der Route plötzlich vor einer Straßensperrung. Ein Umzug zieht durch Stuttgart, und ausgerechnet auf die andere Seite der Straße müssen wir. Ein Zuschauer sagt uns, dass das Ganze noch ungefähr eine Stunde dauern wird. Oh no! Eine Stunde!
Wir haben ja durchaus Zeit für unsere Tour eingeplant, aber eine Stunde am Straßenrand herumzustehen gehört nicht unbedingt dazu. 😊
Zum Glück bleibt der Umzug kurz stehen, die Zuschauer lassen uns durch und wir können unsere Fahrt fortsetzen. Vielen Dank dafür, liebe Stuttgarter!!
Anschließend geht es am Neckar entlang, vorbei an der Wilhelma, dem Stuttgarter Zoo. Ich finde die Strecke eigentlich ganz schön, während Dani offenbar eine deutlich andere Meinung dazu hat. Sie hätte ihr Fahrrad zwischenzeitlich wohl am liebsten im Neckar versenkt, erzählt sie später. Das bekomme ich allerdings gar nicht so richtig mit, denn mir geht es zu diesem Zeitpunkt ziemlich gut. Meine Beine machen mit, ich habe Spaß an der Strecke und freue mich, dass wir schon ein ordentliches Stück
geschafft haben.
Schloss Solitude und die letzten Kilometer bei Tageslicht
Unser nächstes größeres Ziel ist Schloss Solitude, das wir tatsächlich noch bei Tageslicht erreichen. Ich finde den Weg durch den Wald und das Schloss wunderschön und freue mich, dass wir diese Passage und auch das Schloss noch sehen können.
Gerade solche Orte machen für mich einen großen Reiz des Bikepackings aus. Man entdeckt Landschaften und Sehenswürdigkeiten, die eigentlich einen eigenen Ausflug wert wären, und man lernt eine Gegend unglaublich gut kennen. Jetzt würde ich am liebsten einfach anhalten, mich irgendwo hinsetzen und noch eine Weile die Aussicht genießen. Aber wir haben ja noch einiges vor, und allzu lange Pausen möchten wir nicht machen und außerdem wird es dunkel und es ist nicht mehr sonderlich warm.
Es wird Abend, und damit beginnt der Teil der Tour, dem ich besonders ambivalent entgegenblicke. Kälte & Schlafmangel sind nicht unbedingt ein Highlight. Aber bisher läuft eigentlich alles ziemlich gut. Die Beine machen mit, unsere Strategie mit den kleinen Zwischenzielen funktioniert und auch das Wetter hat sich beruhigt und es hat seit mittags nicht mehr geregnet. Immerhin.





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