… ein Erfahrungsbericht
Anfang 2024 erzählt mir eine Freundin beim Klettern: „Im September gehe ich zusammen mit einem Guide und einer Freundin auf den Ortler.“
Und ich denke sofort:
Hm … wie kann ich mich da unauffällig reinwanzen?
Nicht, weil ich schon immer heimlich vom Ortler geträumt hätte oder vom Eisklettern oder von Gletscherüberquerungen und Seilschaften, bei denen man im schlimmsten Fall an Menschen hängt, die entweder viel schneller oder viel langsamer sind als man selbst.
Aber ein fast 4000er? Das würde mich schon reizen. Das klingt einfach nach Abenteuer – selbst mit Bergführer und deutlich spannender als z.B. das Auracher Köpferl 🙂
Kurzer Exkurs: Bergnamen sollten ja mindestens eine Spitze im Titel haben, damit die Begehung entsprechend gewürdigt werden kann 🙂 Wobei ich gegen das Auracher Köpferl natürlich nichts sagen möchte. Man weiß ja nie, wer mitliest.
Ich bin im Voralpenland aufgewachsen und gehe schon seit vielen Jahren in die Berge. Nicht jedes freie Wochenende, aber regelmäßig und wandern gehört für mich einfach zu meinem Leben.
Ich bin trittsicher, schwindelfrei und komme mit kleinen Schritten meistens ziemlich zuverlässig dahin, wo ich hinwill. Mein höchster Gipfel bis dahin war der Hochfeiler (der höchste Berg in den Zillertaler Alpen) vor ca. 15 Jahren oder vielleicht auch schon 20?! Herrje! So alt kann ich noch gar nicht sein 🤪
Ich bekomme also nicht gleich Schnappatmung, nur weil es bergauf geht und ich bin grundsätzlich eher angstfrei unterwegs.
Aber: Eine Hochtour fehlt noch auf meiner Liste. Der Ortler wird – wie ich Ignorant dann erst recherche – „König Ortler“ genannt. Aufgrund seiner Höhe, aber auch wegen seiner majestätischen Erscheinung und ist mit seinen 3.905 Metern der höchste Berg Tirols.
Hmm
Da sollte ich Dinge können, die ich bisher beim Berggehen nicht gebraucht habe.
- Steigeisen zum Beispiel. Ich besitze keine und habe auch noch nie welche benutzt.
- Gletscher überschreiten Vielleicht habe ich irgendwann mal einen Mini-Gletscher überquert, aber wenn, dann hat es mein Gehirn offenbar unter „war bestimmt nett“ abgespeichert und nicht unter „fundierte alpine Erfahrung“.
- Seilschaft. Auch neu. Dazu hört man ja gern Horrorgeschichten von unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Menschen, die frieren während die anderen schon arg am Limit sind. Aber durch das Seil muss natürlich jeder in einer für alle erträglichen Geschwindigkeit gehen.
- Und dann natürlich die Höhe. Ich war noch nie höher als 3.510 Meter. Und ich weiß vom Radeln: Oberhalb von 3.000 Metern wird die Luft schon dünn. Also nicht dramatisch, aber da geht man dann nicht mehr so flott vor sich hin.
Das waren also meine großen Überlegungen am Anfang:
Wie geht man mit Steigeisen? Wie ist das auf einem Gletscher? Wie fühlt es sich an, in einer Seilschaft unterwegs zu sein? Und wie macht mein Körper das mit der Höhe?
Trotzdem lässt mich der Gedanke an den Ortler nicht los. Dani schreibt dem Guide, ob er auch mit 3 Teilnehmern geht und auch die 3. im Bunde sagt, dass es Ok ist, wenn ich mitkomme, mega! 4000er (na ja, fast) ich komme!
Meine Vorbereitung: Theorie und Praxis
Eigentlich habe ich einen guten Plan für die Vorbereitung. Ich will vorher
- mindestens einmal auf 3.000 Metern übernachten. Einfach um zu schauen, wie sich das anfühlt. Und auch um sich an die Höhe zu gewöhnen. Ein befreundeter Bergfex empfiehlt mir auch gleich eine tolle Hütte auf der ich ca. 1 Woche vorher übernachten soll.
- Und mindestens einmal mit Steigeisen üben. Und wenn keiner mit mir geht, dann muss ich im Sommer zum nächsten Gletscher fahren. Auch so eine Idee, die sehr sinnvoll ist für die Vorbereitung.
- Und natürlich ein paar 3.000er bestiegen haben. Eine Liste mit 5 Bergen habe ich mir schon aufgeschrieben.
Aber, der Klassiker: Hat sich natürlich alles nicht ergeben. Wie das manchmal so ist mit Plänen als Mama, mit Job und nebenberuflicher Selbständigkeit. Die Pläne liegen dann irgendwo zwischen Alltag, Arbeit, Wetter, Familie und „das schaffen wir schon noch“ in der Schublade und keiner holt sie raus.
Dafür gehe ich regelmäßig in die Kletterhalle.
Nicht als knallhartes Ortler-Trainingsprogramm. Eher, weil ich eben Lust auf Klettern habe. Aber später wird sich zeigen: Das war ziemlich gut. Denn, wenn ich gut klettern kann, ist das am Ortler durchaus hilfreich. Vor allem, wenn jemand irgendwann sagt: „Ich lasse euch jetzt mal schnell ab.“ Aber dazu später.
Und so bin ich theoretisch guter Dinge. Allerdings dann, ungefähr zwei Wochen vorher, mache ich einen Fehler. Dani schickt mir einen Link mit einem YouTube-Video … von einer Ortler-Begehung. Und ich sehe mir das Video wirklich an.
Oh no!
Mein Tipp an alle, die sowas auch vorhaben: Schaut euch keine Videos an! Und erst recht nicht von Leuten, die ihr nicht kennt. Tut es nicht 🤪
Das fällt in dieselbe Kategorie wie: „Ich google mal kurz meine Symptome.“ Man weiß vorher, dass es keine gute Idee ist, und macht es trotzdem.
Das Videos ist wie ein sehr schlechter Roadmovie. So wackelig, so hektisch, so „wo ist hier eigentlich der Weg?“. Ein bisschen wie Blair Witch Project, nur mit Steigeisen. Und ich sitze davor und denke:
Oh mein Gott. Was hat diese Frau gemacht? Ist sie da auf allen vieren über Stunden hochgekraxelt?
Das ist der Moment, in dem ich zum ersten Mal so richtig denke: Aha. Vielleicht ist das doch nicht einfach nur „ein bisschen höher als sonst“. Bis dahin war der Ortler in meinem Kopf vor allem: spannend, groß, Abenteuer, 4000er, cool.Nach YouTube war er kurz:
Wer hat mich hier angemeldet und kann man das rückgängig machen?
Bis zur Hütte kann ich ja mal mit

Eigentlich habe wir geplant zu dritt zu gehen, aber dann fällt unsere dritte Begleitung aus. Eine Woche vor dem Termin. Das heißt eigentlich kann ich nicht wirklich zurück, obwohl ich meine Vorbereitungspläne nicht im Entferntesten durchgezogen habe. Aber immerhin ist da ja noch der Guide, der mit Dani auf jeden Fall geht und ich sage (und denke mir) so etwas wie:
„Na ja, bis zur Hütte kann ich ja mit. Und dann schaue ich mal.“
Das ist ein sehr schöner Satz, wenn man sich selbst beruhigen möchte.
Weil er klingt nach: Ich entscheide spontan vor Ort, je nach Situation.
Tief in meinem Inneren weiß ich aber: Wenn ich erst mal oben auf der Hütte bin, dann stehe ich morgens auch auf. Ich kenne mich ja. Ich bin nicht hochgelaufen, um dann mit Tee in der Hand vor der Hütte zu stehen und den anderen beim Abenteuer zuzuwinken. Und wenn die Wetterbedingungen es zulassen, gehe ich mit. Es sei denn meine Angst überwältigt mich, aber das ist bisher noch nie passiert.
kleiner Exkurs: Als ich mir den Eispickel von meinen befreundeten Bergfex hole, deutet er auf ein Foto, in dem Menschen (unter anderem er) in den Bergen steht, genauer gesagt im Felsen und an einer Steilwand. Dazu meint er nur so lapidar. Der Ortler ist eher schwerer und auch anscheinend ungemütlicher zu gehen. Mein Mann, der daneben steht, realisiert dann zum ersten Mal, dass er vielleicht auch nur so mittelgut findet, dass ich diese Tour plane. Aber prinzipiell muss ich mir das jetzt erst einmal persönlich vor Ort anschauen und ich pass ja auch wirklich immer auf und bin schon vorsichtig beziehungsweise realistisch.
Also gut. Erst mal bis zur Hütte.
Wir starten am Freitag um 14 Uhr unten in Sulden. Das Wetter ist durchwachsen, aber es regnet nicht. Insgesamt ist der September für unseren Plan schon ein sehr guter Monat.
Ich habe zu jeden Fall zu diesem Zeitpunkt eine offene Wunde am Knie von einem Radsturz. Deshalb steige ich in kurzen Hosen auf.
Ich ernte schon den einen oder anderen merkwürdigen Blick 😂 und auch unser Guide, der uns vor der Hütte empfängt sieht mich etwas verwundert an. Aber ich habe kein bisschen gefroren und für mich war klar: Meine Schürfwunde am Knie ist immer noch offen und das Beste ist frische Luft … kleiner Spoiler: Für diesen Nachmittag war es auch sicher das Beste, die Tage danach nicht.
Mein restliches Equipment ist auch eher Kategorie: Charmant improvisiert.
Den Pickel habe ich mir ausgeliehen von einem guten Freund, der öfter in den Bergen unterwegs ist, die Steigeisen bekomme ich von unserem Guide und ich habe einen alten Salewa-Rucksack, der ungefähr 25 Jahre alt ist. Also ein Rucksack mit Lebenserfahrung 🤪. Aber hey: Ich habe eine Top-Stirnlampe und einen nagelneuen Helm, der richtig cool aussieht!
Man muss ja irgendwo glänzen.
Hüttenabend mit Gletscherspalten-Humor
Oben auf der Hütte ist dann alles voll mit Menschen, die am nächsten Morgen auch auf den Ortler wollen. Im Vergleich zur „Hauptsaison“ aber wohl relativ entspannt alles in der Payer-Hütte.
Ich schnappe viele wichtige Gespräche von Leuten auf, die aussehen, als hätten sie schon mindestens drei Materiallisten miteinander verglichen und mehrere Hochtourenkurse absolviert.
Unser Bergführer Gerd ist zum Glück sehr entspannt.
Sehr, sehr entspannt.
Er ist seit 20 Jahren Bergführer und war fast 500 Mal auf dem Ortler. Für ihn ist das vermutlich ungefähr wie für andere Menschen der Weg zum Bäcker. Nur mit mehr Gletscher, Schnee und Kletterpassagen.
Wir ratschen und ich kündige schon einmal vorauseilend an:

Also es kann schon sein, dass ich morgen dann vielleicht gar nicht mitgehe, wenn das Wetter zu gruselig ist oder eben die Bedingungen zu schlecht.
Gerd nimmt mich überhaupt nicht ernst
Ah geh …
Aber ich habe einfach das Gefühl: Ich will der Gipfeleroberung meiner Freundin nicht im Wege stehen und fühle ich mich etwas unter Druck. Obwohl: Wenn ich es mit einem Menschen machen würde, dann mit Dani! Denn es ist eigentlich klar, wenn eine wirklich nicht mehr kann, dann drehen wir um! Sicherheit geht über Gipfelsturm. Dann frage ich nach der Bezahlung. Gerd schaut mich an und meint:
Er: Du willst jetzt schon zahlen? Das macht man doch erst nach dem Aufstieg.
Ich: Na, also das zusätzliche Gewicht trage ich nicht bis zum Gipfel hoch 🙂
Er: ??? schaut mich verwirrt an.
Ich: Ich hab extra keine Münzen 😂 und nur Scheine dabei, das ist ja alles Extra-Gewicht … aber das trage ich nicht den Berg hoch
Er: muss lachen und schüttelt den Kopf
Ich: Also übrigens: Wenn ich dann in die Gletschspalte falle, meinte ein Freund … dafür hast du ja den Guide, der holt dich dann schon raus … grinse ich
Er: ??? Häh?? ja klar 🤪In meiner Zeit als Bedienung habe ich die Disziplin „blöd-daher-redn“ geliebt.
Am Nebentisch sitzt eine Dreiergruppe (ich würde mal sagen so um die 30/Mitte 30), die vor ein paar Monaten einen Hochtouren-Kurs gemacht hat und jetzt als eigene Seilschaft unterwegs ist und – hervorragend – unter ihnen ein Gschaftler. So einer, der seine Weisheiten über bisherige Bergabenteuer großzügig mit allen anderen teilt. Ich bin manchmal ein bisschen intolerant, ich geb’s ja zu 🤪! Außerdem kann ich mich nicht mehr ordentlich konzentrieren auf ein Gespräch, wenn es so spannende Weisheiten am Nebentisch gibt.
Nach dem Abendessen treffe ich dann genau diesen „jungen Mann“ in dem Raum mit den Rucksäcken und er will mich in ein Gespräch verwickeln.
Er: Wann startet ihr denn morgen?
Ich: Unser Guide meinte um sechs.
Er: Aha und habt ihr das schon einmal gemacht?
Ich: Nein, das ist meine erste Hochtour, aber Gletscherspalten sind kein Problem. Da habe ich ja dann meinen Guide, der mich rauszieht 🤪.
Der junge Mann mit dem Hochtourenkurs sieht mich leicht pikiert an … Na ja, meinen Humor hat auch nicht jeder. Ich gebe zu, der ist auch speziell 😜.
Schlafen? Ja, so ein bisschen
Wir schlafen in einem Zimmer mit zwei weiteren Damen. Die beiden sind schon am Abend etwas aufgeregt. Ich schlafe relativ unruhig, aber eigentlich ganz gut ein. Am nächsten Morgen um 05:00 Uhr steht das Frühstück bereit und es stellt sich heraus:
Die beiden haben wohl überhaupt nicht geschlafen. Also wirklich gar nicht. Sie erzählen das mit einer leicht nervösen Stimme, aber ich finde sie sehen eigentlich sehr fit aus.
Ich habe immerhin so vier, fünf Stunden geschlafen. Für 3000 Meter Höhe und Vor-Ortler-Nervosität ist das fast schon ziemlich gut. Ich würde jetzt nicht sagen: Ausgeschlafen und bereit für große alpine Heldentaten, aber immerhin nicht komplett im Eimer wie nach einer durchzechten Nacht 🤪 Da brauche ich nämlich mittlerweile schon mehr Zeit um mich zu erholen.
OK, das frühe Aufstehen nervt, aber im Juli/August ist es noch viel schlimmer, da starten die Leute um 04:00 Uhr morgens. Grrr.
Gegen fünf Uhr sitzen wir dann beim Frühstück. Fünf!!
Ich versuche irgendwas zu essen, denn ich bin eigentlich keine Frühstückerin, aber heute werde ich definitiv etwas Energie brauchen.

Dann packen wir zusammen. Helm. Gurt. Handschuhe. Stirnlampe. Der alte Salewa-Rucksack ist etwas störrisch, wenn es darum geht den Pickel an ihm zu befestigen, aber es funktioniert.
Gegen sechs Uhr gehen wir los und verlassen bei leichtem Schneefall (Was hatte ich gesagt zum Thema „ich halte mir das offen, ob ich gehe“) als letzte Seilschaft mit Guide die Hütte.
hmmm
Schnee ist schön, wenn man drinnen ist oder wenn Weihnachten ist. Aber morgens um sechs, auf dem Weg zum Ortler, während ich mich sowieso frage, ob ich eigentlich noch alle Tassen im Rucksack habe?
Da ist Schnee eher so mittel!
Wir gehen also los. Noch im Dunkeln, noch mit dieser Mischung aus Müdigkeit, Konzentration und „jetzt gibt es auch kein Zurück mehr“.
Und am Anfang ist es erst einmal genau das: losgehen. Schritt für Schritt. Nicht groß reden. Nicht zu viel denken. Einfach hinter Gerd her. Wir gehen um die Ecke und dann kommen wir an gleich die ersten Kletterpassagen. Im Blick eine Lichterkette an Seilschaften, die vor uns die Hütte verlassen haben.
Ah. Diese Kletterei also.
Relativ schnell verstehe ich, was alle mit „die Kletterei am Anfang ist viel schlimmer als der Gletscher“ gemeint haben.
Der Weg ist nicht so, dass wir uns ab und an mal an einem Stein festhalten müssen. Sondern wir müssen im Gelände einfach nach oben klettern. Bei Schneefall.

Gerd will wissen wer sicherer beziehungsweise geübter ist. Diejenige geht beim Aufstieg hinten und er geht voran. Beim Abstieg ist es genau umgekehrt, da geht er hinten und diejenige, die sicherer ist vorne. Wir entscheiden ich gehe als Letzte.
Ich konzentriere mich auf den Weg vor mir, auf kleine Schritte, nicht so viel nachdenken. Zwischendurch müssen wir auch immer mal nach unten klettern. Sowas kostet auch etwas Überwindung und Übung und fühlt sich gar nicht sooo gut an.
Ich erinnere mich noch gut an diese erste Passage und merke: Klettern ist wenigstens nichts völlig Fremdes für mich und jetzt hilft die Kletterhalle in letzter Zeit dann plötzlich wirklich.Nicht, weil Halle und Berg das Gleiche sind. Ist es definitiv nicht. Hier gibt es zum Beispiel keine bunten Griffe, die mir die Route zeigen. Aber ich weiß zum Beispiel wie es ist, sich abzuseilen.
Ich weiß wie wichtig es ist mit einem Fuß stabil zu stehen und dann erst weiterzugehen (das der Stand überhaupt Sicherheit gibt)
Und ich kenne das Gefühl draußen zu kraxeln, da ich auch schon den einen oder anderen Klettersteig gegangen bin und ich merke ich bin seit meiner Jugend in den Bergen unterwegs und habe durch das Mountainbike und Fahrrad fahren einfach eine richtig gute Grundkondition.
Mein Körper reagiert auch ganz automatisch, wenn jemand aus der Seilschaft ausrutscht und man ihn halten bzw. sichern muss.
Ich kraxle also in kleinen Schritten oder Tritten vor mich hin. Kein großes Nachdenken, sondern einfach konzentriert am Fels. Mein Gehirn hat nur Platz sich auf den Fels und den Weg zu konzentrieren und ich denke nicht an das, was gerade in der Arbeit ansteht, nicht an das nächste Event, die nächste Pressemitteilung oder was auch immer. Auch meine familiären todos sind gerade ganz hinten in meinen Gehirnwindungen verschwunden und meine Aufmerksamkeit ist 100% auf das was ich tue fokussiert! Und es kommen auch keine Gedanken auf wie:
Warum mache ich das?
Hätte ich nicht auch einfach wandern gehen können?
Warum genau wollte ich mich da reinwanzen?
Ich liebe solche Abenteuer in denen mein Kopf absolut frei ist vom täglichen hustle. Das sind meine Mini-Sabbaticals vom Alltag 🥰🥳
Und dann passiert etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet habe: Wir holen die erste Gruppe ein und dürfen besser gesagt sollen sogar überholen.Erst eine Seilschaft. Dann noch eine. Dann noch eine.
Ich denke mir irgendwann mal: Was ist denn hier los??
Von insgesamt sieben Seilschaften überholen wir nach und nach fast alle. Nur eine ist vor uns (die beiden Damen, die mit uns im gleichen Zimmer geschlafen haben übrigens) und die treffen wir auf dem Gipfel.
Ich finde das komplett krass. Ich hatte eher damit gerechnet, dass ich irgendwann umdrehe & verweigere, aber es läuft richtig gut.
Und unser Bergführer Gerd freut sich, dass es so flowig vorangeht. Der sieht, dass wir gut unterwegs sind. Das ist schon ein ziemlich gutes Gefühl. Nicht dieses „Ich bin jetzt eine Extrem-Bergsteigerin-Mount-Everest-ich-komme“-Gefühl. Eher: Hey, wir machen das hier gerade wirklich gut und das ist ziemlich cool.
Mit jedem Meter werde ich ruhiger. Der Anfang, vor dem alle so gewarnt haben, ist nicht ohne, aber er ist machbar. Und zwar nicht nur irgendwie, sondern richtig gut.
Vertrauen ins Seil
Irgendwann kommen wir an eine richtig ausgesetzte Stelle. Auf Eisenstäben steigen wir an der Felswand entlang und unter den Stäben geht’s senkrecht bergab, klar man hat eine Kette zum Festhalten, aber trotzdem: Schluck 😬
Als wir fast am Ende sind, kommt vor uns eine andere Seilschaft ins Stocken. Einer der Männer will nicht vor und nicht zurück. Der hat richtig Panik.
Und ganz ehrlich: Ich verstehe das. Es gibt Stellen, da schaut man nicht mehr lässig in die Gegend und sagt: „Ach, schön hier.“ Da schaut man irgendwohin und denkt nur: Bitte jetzt keine Zusatzaufgaben. 🤪
Wir warten. Denn vorbei kann an dieser Stelle jetzt niemand. Aber nicht lange. Gerd entscheidet:
„Wisst ihr was, ich lasse euch jetzt einfach ab.“

Wir stehen auf einem (also auf zwei genauer gesagt) Eisenstäben an einer senkrechten Wand, halten uns an einer Eisenkette fest, direkt vor mir Dani und er sagt das einfach so.
Ich schaue ihn an und vergewissere mich:
„Wie? Du willst also wirklich, dass ich meine Hand vom Seil lasse?“
„Ja, genau.“
hmmm
Eigentlich finde ich Festhalten gerade grundsätzlich eine sehr gute Idee. Aber ok, dann mache ich das Mal. Ohne groß nachzudenken und Dani auch. So schnell können wir gar nicht schauen, sind wir auch schon ein paar Meter weiter unten auf dem Schneefeld.
Zack.
Ok, krass! Das war unerwartet, aber Gerd weiß, dass wir regelmäßig klettern gehen und er hat uns jetzt bei den Kletterpassagen erlebt und kann die Situation gut einschätzen.
Es war sicher die absolut beste Lösung, aber kurzfristig war ich irritiert 😂.
Steigeisen-Premiere & störrische Eispickel
Wir steigen ein paar Meter hoch auf dem Schneefeld und ziehen uns dann die Steigeisen an. Wie hat Gerd das eigentlich runter geschafft? 🤔 Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich habe einfach nur Anweisungen befolgt und habe nicht nach hinten gesehen.
Die Steigeisen lassen sich ganz gut anziehen und der wichtigste Tipp: Nur nicht beim Gehen an der Hose einfädeln! Ich sehe mich vor meinem geistigen Auge schon durch die Gegend purzeln und alle mit ins Unglück reißen 🤪
Ein weiteres Hindernis: Mein Pickel. Der steckt an meinem alten Salewa-Rucksack und da steckt er ziemlich gut. Ist das wie bei den Autos, dass die Eispickel mit der Zeit größer geworden sind??? Ich bekomme ihn jedenfalls fast nicht heraus. Aber ich lasse mir natürlich nichts anmerken und versuche souverän zu kämpfen 😬
Dieser Rucksack ist 25 Jahre alt und hat noch nie einen Pickel transportiert. Vielleicht war er beleidigt, weil ich ihn so lange nicht ausreichend gewürdigt habe. Vielleicht war ich auch einfach ungeschickt und meine Finger etwas klamm von der Kälte.
Na ja, irgendwann habe ich den Pickel jedenfalls draußen und die Steigeisen dran. Und weiter geht’s.
Über das Gletscherfeld, vorbei an den Gletscherspalten, über die ich am Abend vorher noch Witze gemacht habe. Da möchte ich wirklich nicht landen! Also schön hinter Gerd bleiben.
Das gehen mir den Steigeisen ist kein Problem, irgendwann nimmt die Steigung zu bevor wir zur ersten Schutzhütte oder Biwakhütte kommen.
Und dann reißt das Wetter auf
Je länger wir unterwegs sind, desto besser wird das Wetter.
Es reißt richtig auf und es ist einfach nur sau schön. So schön, dass ich fast vergesse, dass ich viel zu früh aufgestanden bin, dass mein Knie noch offen ist (ich habe einfach ein Pflaster drübergeklebt, denn kurze Hose wäre heute definitiv nicht gegangen) und dass es gerade noch geschneit hat. Und plötzlich sagt Gerd:
Bleibts a mal stehn!
und macht Fotos von uns. Bei strahlendem Sonnenschein auf dem Gletscher. Das sieht sicher mega aus.
Fotos im Schnee. Fotos beim Gehen. Fotos, wenn ich vermutlich gerade versuche, möglichst normal zu schauen, obwohl mein Kopf nur denkt: bitte nicht blöd stolpern, während der Bergführer fotografiert.
Es ist so schön hier oben und wirklich beeindruckend. Es ist einfach etwas sehr besonders. Irgendwann kommen dann zwei einzelne Wanderer ohne Seil um die Ecke … WTF? Gerd erzählt uns von den tödlichen Unfällen von Wanderern, die sie aus Gletscherspalten geborgen haben und ich denke mir „Was für Deppen!“ Ja so sind manche einfach.

Und irgendwann sind wir fast oben. Wir sehen den Gipfel, aber es zieht sich noch wie Kaugummi …
Das Gipfelerlebnis
Aber dann stehen wir bei strahlendem Sonnenschein oben auf 3.902 Höhenmetern neben dem Gipfelkreuz auf dem Ortler 🥳.
Wow!!! Das ist so cool. Über den Hintergrad kommt eine andere Seilschaft hoch. Eher so Kategorie wuide Hund. Ich bin so euphorisch und happy, dass ich mitgegangen bin.
Trotz Nervosität. Trotz fehlender Steigeisenerfahrung. Trotz Gletscher-Nullnummer. Trotz nicht vollständiger Akklimatisierung an die Höhe und trotz kurzer Hose mit allgemeinem Kopfschütteln drumherum.
Vielleicht sogar genau deswegen.
Weil es am Ende eben nicht die perfekt geplante, perfekt vorbereitete und perfekt ausgerüstete Tour war. Sondern meine erste Hochtour auf einen amtlichen Berg! Mit offener Kniewunde, meinem altem nostalgischen Rucksack, aber sehr guter Stirnlampe, neuem Helm, viel Kletterhallen-Vorwissen und einem Bergführer, der uns da richtig entspannt und kompetent begleitet hat.
Gerd, vielen Dank!!
Das war eine der coolsten Touren ever.
Dann geht es an den Abstieg und ein Video sagt mehr als 1.000 Worte … wie wir da hochgeklettert sind kann ich bei Lichte betrachtet, kann ich gar nicht glauben. Jetzt bin ich doppelt beeindruckt von unserer Leistung. Und auch von Gerd über menschlichen Fähigkeiten öfter als 500 mal diesen Berg schon bestiegen zu haben.
Ich musste ihn natürlich mit Fragen Löchern, nachdem wir um 13:00 Uhr auf der Hütte zurück waren und zusammen Mittag gegessen haben über sein bisheriges Leben als Bergführer und seine lustigsten und ungewöhnlichsten Erlebnisse in seinen 20 Jahren als Bergführer.
Und Gerd erzählt noch Geschichten von Leuten, die sieben Versuche gebraucht haben, bis sie endlich auf dem Ortler standen. Von Touren mit Kunden, die morgens gestartet sind und erst spätabends frustriert geendet haben.
Aber auch vom unterschiedlichen Pinkelverhalten der Teilnehmerinnen:
Bei manchen musste ich auf meine Schuhe aufpassen und manche wollten sich soweit entfernen, dass ich sie zurückrufen musste, damit sie nicht in eine Gletscherspalte fallen.
Oder auf einer anderen Tour in der die Dame unbedingt in der Hütte aufs Klo gehen wollte, extra die Seilschaft verlassen hat und dann mit den Steigeisen – zum Ärger des Hüttenwirts – die Hütte durchquer hat. Manche brauchen einfach ganz klare Anweisungen 😂.
Als sich nach dem Essen unsere Wege trennen und wir absteigen, verabschiedet sich Gerd mit den Worten:
Das nächste Mal gehen wir über den Hintergrad auf den Gipfel.
Dani und ich steigen euphorisch ins Tal ab.
Ich kann gar nicht glauben, dass ich am Tag vorher erst zur Hütte hoch gestiegen bin und bin immer noch total geflasht.
Als wir unten ankommen öffne ich erst einmal mein Pflaster und sagen wir mal so: Dank Betaisodona sieht die offene Wunde nach einer Woche dann – Gott sei Dank – wieder gut aus.
Gerd schickt uns noch die ganzen Bilder, die er gemacht hat und schreibt uns dann, dass die Checker-Gruppe mit dem Gschaftler (so habe nur ich sie für mich intern genannt 😜) erst um 20:00 Uhr an der Hütte zurück war. Da war ich froh, dass wir uns für die Variante mit einem kompetenten Bergführer entschieden haben. Das waren mal wirklich gut investierte 300€.





















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