Alb-Packa 2026, Teil 4: Tag zwei: Sigmaringen bis irgendwo zwischen „Wir schaffen das“ und „Auf gar keinen Fall“

Nach der Dusche und den wirklich fantastischen Penne Quattro Formaggi vom Vorabend fühle ich mich am Morgen erstaunlich gut. Nicht frisch im Sinne von „Ich könnte jetzt spontan einen Halbmarathon laufen“, aber immerhin so, dass ich denke: “Ja, das geht schon irgendwie.”

Meine Sollbruchstelle ist diesmal allerdings eindeutig der Hintern. Am Vortag hatte ich natürlich vergessen, die tolle Creme zu benutzen. Obwohl ich sogar zwei verschiedenen mitgenommen habe.

Der Klassiker.

Wenn man schon eine mögliche Lösung dabei hat, muss man sie schließlich erst einmal ignorieren, damit das Drama überhaupt eine faire Chance bekommt. 🤪

Heute passiert mir das nicht!

Außerdem habe ich morgens noch ein weiteres Learning: Ich werde die Lenkertasche über Nacht nicht mehr abmontieren.

Sonst beginnt der Tag jedes Mal mit Gepfriemel, ausräumen und neujustieren. Wir rollen gegen 6:00 Uhr runter zur Bäckerei, wo der junge Mann hinter der Theke einen eher semi guten Espresso Macchiato hinbekommt. Also, er schüttet halt einfach Milch auf den Espresso. Ohne Schaum. Dafür alles im Verhältnis 1:1 in eine Cappuccino-Tasse. Man muss auch mal flexibel sein.

Ich kaufe (ungewollt) ein riesiges Brot mit Tomate Mozarella, ein Schoko-Crossaint, eine Cola und Orangensaft. Wie genau man ungewollt ein riesiges Brot kauft, weiß ich auch nicht mehr, aber es passiert. Wir setzen uns gemütlich zum Frühstücken an die Bar und bekommen nach ungefähr fünf Minuten das volle Konfliktpotenzial des Etablissements zu spüren. Hinter der Theke wird sich mit beeindruckender Energie über Kolleg:innen, Abläufe und vermutlich das gesamte System der Bäckerei beschwert. Wir sitzen da, kauen unser Brot und denken: “Na gut. Müssten wir zwar als Kunde jetzt nicht unbedingt mitbekommen.”, aber wir sind um diese Uhrzeit, die einzigen und es ist fast ein bisschen wie früher bei Arabella Kiesbauer.

Ziemlich gechillt starten wir nach dem Frühstück irgendwann gegen 6:30 Uhr oder 6:45 Uhr. Also ja, man könnte sagen, wir haben schon wieder etwas getrödelt. Aber immerhin haben wir ein wahnsinnig tolles Brot dabei, das uns auf der Fahrt noch einige Stunden begleiten wird. Oder, wie sich später herausstellt: eher Tage.

Richtung Zwiefalten: Musik an, Kopf aus

Die nächsten Kilometer Richtung Zwiefalten sind eigentlich ganz entspannt. Zwiefalten wäre unser ursprüngliches Ziel für Tag eins gewesen, ungefähr bei Kilometer 195, und der Ort sieht hübsch aus. Zu diesem Zeitpunkt bin ich allerdings sehr froh, dass wir gestern nicht noch versucht haben, dort hinzukommen, denn wir haben immer wieder eher kurze, aber knackige Anstiege zwischen 150 bis 200 Höhenmetern, mal auf Schotter, mal auf Teer. Nach Zwiefalten und wir auch Bekanntschaft mit dem ersten richtig kalten Tal.

An den Namen erinnere ich mich nicht mehr. Ehrlich gesagt erinnere ich mich an Teile dieser Strecke überhaupt nicht richtig. Ich habe einfach Musik gehört und festgestellt, dass ich tatsächlich eine Sportplaylist auf meinem Telefon habe. Die kommt gerade wie gerufen, denn manchmal braucht man nur die richtige Musik und die Fähigkeit, nicht zu genau darüber nachzudenken, wie weit es noch ist.

Gegen 10:00 Uhr kommen wir im Lautertal an und das ist wirklich wunderschön. So idyllisch, dass ich fast vergesse, dass Täler auf dieser Tour meistens nur die hübsche Verpackung für den nächsten Anstieg sind. Wir pausieren, essen Brotzeit und genießen kurz das Gefühl, noch einigermaßen zurechnungsfähig zu sein. Dann fahren wir ins Tal und uns kommen 3 Albpacka-Teams entgegen. Dann noch eins. Und noch einer. Und noch eine. Merkwürdig. Aber gut, jeder hat ja seine eigene Streckenführung. 😂

Am Ende des Großen Lautertals geht es allerdings einen Stich richtig steil bergab. Das heißt: Zurückfahren ist keine Option, falls wir hier falsch liegen sollten. Zumindest keine, die wir ernsthaft in Betracht ziehen. Also bleiben wir auf unserer Route und schrauben uns wieder den nächsten Hügel hinauf.

Der Punkt, an dem Schopfloch eigentlich längst hätte da sein müssen

Irgendwann um die Mittagszeit will nur noch eins: Ankommen. Laut meiner Berechnungen, also genauer gesagt laut meinem Gefühl, müssten wir längst wieder in Schopfloch sein. Sind wir aber nicht. Schopfloch ist noch relativ weit weg. Unverschämt weit weg.

Alb Packa Pause Tag 2

Leider kein Hofcafé in Sicht … und auch kein Kaffee

Wir halten an einem alten Gutshof, in dem laut Karte ein Hofcafé sein sollte. Das entpuppt sich allerdings als Flop, denn es ist kein Hofcafé, sondern einfach nur ein Gutshof. Das richtige Hofcafé wäre noch ein paar Kilometer in die andere Richtung entfernt. Nein. Das machen wir nicht! Wir entscheiden uns für den Schotterweg nach unten und landen irgendwann in der Nähe von Meerstetten, am tiefsten Punkt der Tour. Was natürlich logischerweise bedeutet: Danach geht es wieder hoch. Uff …

Am Anfang der Ortschaft ist ein Schild ausgeschildert: Noch 200 Meter bis zu kühlen Getränken. An diesem kleinen Supermarkt besser gesagt Tante-Emma-Laden biegen wir ab und machen Pause. Wir teilen uns das letzte belegte Kartoffelbrötchen, die Ladenchefin ist unglaublich nett, füllt uns Wasser auf und fragt interessiert nach dem Event. Kurz vor 12:30 Uhr, also kurz bevor der Laden schließt, sind wir dort aufgeschlagen. Glück muss man haben oder Timing. 😜

Leider sind es immer noch 30 Kilometer bis Schopfloch. Unglaublich.

Zurück in Schopfloch. Und dann einfach noch einmal los, warum auch nicht?

Nach der Pause fahren wir weiter, gefühlt endlos lange Kilometer über einen ehemaligen Truppenübungsplatz. Zum ersten Mal treffen wir wieder auf zwei andere Albpackas und diese begleiten uns bis nach Schopfloch. Gegen 15:00 Uhr kommen wir dort an. Also dort, wo wir gestartet sind. Psychologisch ist das nicht ganz ohne, denn wenn man nach über 260 Kilometern wieder am Startort einrollt, denkt ein sehr großer Teil des Gehirns: Wunderbar. Wir sind fertig. Jetzt noch eine Dusche, essen und heimfahren. Und es riecht auch unverschämt gut nach Maultaschen, aber nach dem Breznzacka bekommen wir nur Wasser und eine Breze. Die ersten sind schon komplett fertig mit allem …

?

??

???

Wie geht das?

Na ja: Bei uns heißt es:

Schön, dass ihr da seid, der Breznzacka ist geschafft, jetzt wartet nur noch der Maultaschzacka auf euch.

Das ist schon fies. Richtig fies sogar. Einige brechen hier ab, was ich absolut verstehen kann. Wenn man mental schon durchs Ziel gerollt ist, ist es schon eine Überwindung noch einmal loszufahren, aber wir fahren weiter.

Im Haus treffe ich noch eine Solo-Mitstreiterin. Sie erzählt gerade von ihrem letzten Fahrraderlebnis in Patagonien vor 3 Wochen, ungefähr 5.000 Kilometer mit dem Rad, und von einem 24-Stunden-Rennen. Ich denke mir: Sappralot. Die Dame hätte ich jetzt so nicht eingeschätzt. Und genau da ist wieder diese schöne Lektion: Man muss wirklich aufpassen, wenn man Menschen nach ihrem Äußeren in Schubladen steckt. Sie sah völlig harmlos aus, so nach netter Sonntagsrunde mit Kaffee und Kuchen, aber ich glaube, sie hatte es faustdick hinter den Ohren. Oder besser gesagt: In den Beinen.

Laichingen und der kommunikative Schwabe

Als wir vom Gelände rollen, fahren wir zuerst ins Hasental und von dort schrauben wir uns wieder mal nach oben.

In Laichingen halten wir an einem Supermarkt und kaufen uns ein alkoholfreies Radler und viele Dinge zu essen. Dort begegnet uns ein sehr kommunikativer, leicht depressiver Verschwörungstheoretiker. Er setzt sich neben uns, als wir ohnehin schon einen unkontrollierten Lachanfall haben, und labert uns mit seinem Schmarrn voll. Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging. Vermutlich war es besser so.

Auf jeden Fall scheint Laichingen ein heißes Pflaster zu sein, denn uns wird mehrmals davon abgeraten, dort draußen zu übernachten. Offenbar herrscht hier ein Kriminalitätsniveau, das man sonst höchstens aus Großstädten kennt. Sagt zumindest der Mann, der neben uns mit Bier und Zigaretten auf dem Boden Platz genommen hat und uns volltextet! Bloß weg von hier.

Wunderschönes Tal. Leider ein Tal.

Nach Laichingen beginnt eine wunderschöne Strecke. Wir kreuzen erst eine Bundesstraße, dann geht es von Machtolsheim aus in ein herrliches Tal hinunter. Es rollt richtig schnell bergab, die Landschaft ist wunderschön, und gleichzeitig merke ich: Mir werden Täler langsam egal. Denn jedes Tal hat einen entscheidenden Nachteil. Es endet. Und meistens endet es unten. Das bedeutet: “Danach kommt wieder ein Anstieg.” Das ist vollkommen logisch, aber emotional manchmal schwer zu ertragen. Hatte ich ja schon bemerkt. 😒

In diesem Abschnitt grüßen uns wirklich alle:

Rennradfahrer, Gravelfahrer, Mountainbiker. Egal welches Alter, egal wie trainiert. Das ist total nett. Es gibt einem für einen kurzen Moment das Gefühl, Teil einer großen, verschwitzten Gemeinschaft zu sein. Dann kommt ein steiles Stück hinauf und danach ein mega steiles Schotterstück mitten in die Natur. Es ist wunderschön dort, aber trotzdem denke ich: Ernsthaft? Wer fährt denn hier bitte hoch?

Wir steigen ab und schieben. Oben angekommen geht es wieder hinunter ins Tal. Natürlich. Und langsam möchte ich nur noch ankommen. Egal wo. Am liebsten am Ziel, aber das Ziel ist noch sehr weit entfernt. Die große Frage des Abends steht im Raum:

Wo werden wir heute Nacht schlafen?

Draußen wäre eigentlich ziemlich cool. Es soll ca. sechs Grad haben, also theoretisch machbar. Praktisch habe ich das noch nicht wirklich visualisiert. Mein Körper visualisiert gerade eher Pizza.

Tomerdingen: Erst Abbruch, dann doch Drama mit Weiterfahrt

In Tomerdingen versuchen wir, einen Ort fürs Abendessen zu finden. Ob wir noch einen Supermarkt auftreiben, ist fraglich, denn es ist schon fortgeschrittener Abend und die Orte sind nicht groß. Im Gasthof zur Linde gibt es leider nur etwas mit Reservierung, also fahren wir weiter in den nächsten Ort. Und dann sehen wir eine Pizzeria. Halleluja.

Der Wirt ist draußen und begrüßt uns ganz herzlich mit dem Satz „Wir haben leider keine Zimmer.“ Aber Essen gibt es! Und das reicht uns ja erst einmal.

Wir haben unfassbar viel Hunger und bestellen jeweils Nudeln mit fetter Sahnesauce. Zusätzlich nehmen wir noch zwei Pizzabrote und sitzen bald vor einem Riesenberg Essen. Das Pizzabrot kommt dann wohl eher ins Vesperpaket als mit auf die Reise. Der Kellner und sehr wahrscheinlich auch der Besitzer ist total nett. Er fragt, wo wir schlafen wollen, und empfiehlt uns gleich zwei Hotels. Das eine liegt zwar auf unserem Weg, aber online haben wir schon etwas über Bettwanzen gelesen. Das andere ziehen wir jetzt einmal nicht in Betracht, denn unser Plan war ja eigentlich, draußen zu schlafen oder die Nacht durchzufahren. Oder irgendetwas dazwischen.

Wir überlegen, erörtern Pros und Cons und wissen nicht recht was wir machen wollen. Fahren wir weiter? Gehen wir ins Hotel? Dani rechnet mir vor, dass wir noch ca. 13 Stunden im Sattel sein werden. Und es ist schon 21:00 Uhr … Ich muss nur noch lachen.

Das kann nicht sein, niemals! Da sind wir auf jeden Fall schneller. Als ich die Zahl auf mich wirken lasse, denke ich:

“Das wir nix mehr. Wie sollen wir denn das bis 17:00 Uhr am Sonntag schaffen? Wir müssten auf alle Fälle durchfahren.”

Um 21:30 Uhr sitzen wir immer noch beim Italiener und beschließen: Wir brechen ab. Ich rufe in Schopfloch an.

„Hier Team 87. Wir brechen ab und fahren jetzt zurück.“

Wir sind schon knapp einen Kilometer auf dem Rückweg zur Albpacka-Basisstation, als wir stehen bleiben und nochmal hadern. Nochmal rechnen. Nochmal überlegen. Was mich am meisten triggert: Wenn wir weitermachen, haben wir (wenn wir unsere jetzige Geschwindigkeit beibehalten) mindestens noch 13 Stunden Fahrzeit, es ist jetzt fast 22:00 Uhr und wir müssen am nächsten Tag bis 17:00 Uhr im Ziel sein. Außerdem ist kurz vorher Danis Navi ausgefallen.

Hmmm: die Zeichen stehen nicht unbedingt auf „Das wird richtig super“.

Und dann machen wir es doch. Ich rufe nochmal an und sage: „Wir versuchen es jetzt doch.“ Der Veranstalter antwortet ganz trocken: „Jawoll, die Nummer 87 ist on fire.“ Und ich bekomme schon wieder einen Lachanfall. Gemeinsam mit Dani. Beinahe baue ich vor lauter Lachen noch einen Unfall und fahre Gegen Danis Rad. Aber immerhin: Nummer 87 ist wieder unterwegs.

Nachtfahrt bis Mitternacht

Der Vorteil ist: Wir können nachts fahren. Wir haben das schon mal gemacht und wissen, wie sich das anfühlt. Also fahren wir weiter und wir haben mehrere Lampen dabei. Allerdings bin ich froh, dass wir zu zweit sind. Alleine hätte ich da wirklich keine Lust! Denn die Geräusche werden lauter, Büsche verdächtiger und das Gehirn beginnt manchmal sehr merkwürdige Dinge zu produzieren.

Irgendwann raschelt es neben mir im Busch. Nicht kurz, sondern so drei bis vier Sekunden – genau Neben mir. In meinem Kopf ist es natürlich sofort ein Wildschwein. Oder ein Wolf. Oder der Hund von Baskerville, der aus dem Busch bricht! Ich möchte jedenfalls dringend weg von diesem Busch und wechsle die Fahrspur zu Dani. Wahhh. Aber das Geräusch verschwindet und kein Tier weit und breit.

Gegen Mitternacht erreichen wir Bissingen ob Lontal. Wir sehen kurz nach dem Ort ein kleines Häuschen (ähnlich wie ein Bushaltehäuschen) und Dani findet “Das ist der optimale Schlafplatz.” Also schlagen wir dort unser Nachtlager auf. An sich ist der Platz gar nicht schlecht. Leider liegt er direkt neben einer relativ lauten Straße, auf der immer wieder Autos vorbeifahren. Aber egal. Wir schlafen oder zumindest versuchen wir es und mein warmer Schlafsack kommt endlich zum Einsatz!

Tag 3: Die Nachtfahrt Alb Packa 2026

https://www.mittagsblog.de/wp-content/plugins/sociofluid/images/facebook_48.png https://www.mittagsblog.de/wp-content/plugins/sociofluid/images/twitter_48.png

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.