Mein Resümee nach 290 km und 23,5 Stunden auf dem Gravelrad

290 Kilometer, 4.640 Höhenmeter und 23,5 Stunden unterwegs. Ohne zu schlafen, dafür mit reichlich Regen, Steigen und einem Hintern, der sich gegen Ende der Tour wirklich sehr ernsthaft beschwert hat.

Als Dani und ich am Sonntag gegen sechs Uhr morgens wieder im Ziel ankommen, freue ich mich unglaublich, dass wir hier sind. Wir haben die Strecke wirklich am Stück geschafft.

Und das Erstaunliche ist: Körperlich geht es mir gar nicht sooo schlecht. Klar, ich bin müde, schließlich habe ich fast 24 Stunden nicht geschlafen, und der Hintern ist wirklich beleidigt, aber meine Beine, Schultern und Rücken haben ziemlich gut mitgemacht. Die Knieschmerzen haben sich zum Glück auch wieder verabschiedet. Wie ein junges Reh springe ich zwar nicht durch die Gegend, aber immerhin sind die Schmerzen weg und auch der Muskelkater hält sich in Grenzen.

290 Kilometer, um mein Leben zu sortieren

Ein Effekt, der sich im Ziel aber auch einstellt: Ich fühle mich innerlich unglaublich in mir ruhend. Ich weiß nicht genau, wie ich das beschreiben soll.

Mein Alltag ist gerade alles andere als entspannt. Mit zwei Jobs, meiner Familie, den Kindern im Teenageralter und der Pflege meiner Eltern gibt es immer irgendetwas zu organisieren, zu entscheiden oder zu erledigen, d.h. ich habe immer 10.000 Gedanken, die in meinem Kopf schwirren.

Während des Sugerles muss ich nur treten, schauen, wo es langgeht, wann ich was esse oder trinke und irgendwann den nächsten Checkpoint oder Parcours erreichen. Dazwischen ist viel Platz für Gedanken oder auch einfach nur Leere im Kopf. Keine fünf Dinge gleichzeitig, die ich noch erledigen muss, ich muss nur Fahrrad fahren 😊

Nach der Tour merke ich jedenfalls, dass ich absolut in mir ruhe und als ich zuhause ankomme, kann ich auf meine Teenager viel gelassener reagieren, selbst wenn sie gleich wieder Dinge tun, bei denen ich normalerweise innerlich die Augen verdrehe. Auch im Umgang mit meinen Eltern und den Anforderungen, die ihre Pflege mit sich bringt, fühle ich mich die Tage darauf emotional deutlich ausgeglichener.

Die Aufgaben sind natürlich immer noch da. Es hat sich ja über Nacht nichts an meinem Alltag geändert. Aber irgendwie hat sich meine Reaktion darauf verändert.

Und das finde ich bemerkenswert. Ich bin nicht einfach nur körperlich müde und gleichzeitig stolz darauf, die Strecke geschafft zu haben. Ich habe das Gefühl, dass ich während dieser langen Stunden auf dem Fahrrad ganz nebenbei mein Leben wieder ein bisschen sortiert habe.

Dafür brauche ich offensichtlich weder einen Meditationskurs noch ein Wellnesswochenende. 290 Kilometer mit dem Gravelbike tun es anscheinend auch. Wobei ich zugeben muss, dass ein Wellnesswochenende vermutlich deutlich schonender für den Hintern wäre. 😊

Meine Erkenntnisse aus unserem zweiten größeren Bikepacking-Abenteuer.

Eine Lampe ist gut. Vier Lampen sind auch keine Garantie.

Ich hatte mich wirklich bemüht, die Beleuchtung vernünftig zu organisieren. Zwei Akkulampen und zwei batteriebetriebene Stirnlampen sollten für eine Nacht auf dem Fahrrad eigentlich reichen. Eigentlich.

Dass eine Akkulampe irgendwann leer sein würde, war ja nicht völlig überraschend. Dass sich anschließend auch noch eine Halterung verabschiedet und ich anfange, meine Stirnlampe um das Navi zu wickeln, stand dagegen nicht unbedingt auf meinem Plan. Immerhin hat meine Konstruktion am Ende funktioniert.

Trotzdem werde ich mir für die nächste Tour noch einmal genau überlegen, wie ich meine Lampen befestige und welche davon als Reserve dienen sollen. Gerade auf dunklen Waldwegen möchte ich schließlich sehen, wo ich hinfahre, ohne ständig Angst haben zu müssen, dass sich beim nächsten Schlagloch die komplette Beleuchtung verabschiedet.

Das Garmin hält länger durch als ich lesen kann.

Mein Garmin Edge Explore 2 hat mit seiner Akkulaufzeit von ungefähr 31 Stunden wirklich gute Dienste geleistet. Für eine Tour von knapp 24 Stunden reicht das völlig aus, und es ist sehr beruhigend, wenn man sich nicht auch noch Gedanken über den Akku des Navis machen muss.

Die Bedienung ist allerdings eine andere Geschichte. Dieses ständige Wischen nach oben, links oder rechts! Und dann mal wieder einfach nur drauftippen. Manchmal wollte ich einfach nur die Strecke sehen und hatte plötzlich nur noch die Abbiegeansicht vor mir. Dann habe ich gewischt, gedrückt und wieder gewischt, bis ich endlich dort gelandet bin, wo ich eigentlich hinwollte. Aber eher aus Zufall 😊.

Und offensichtlich gehört beim Ultracycling Ü50 auch eine Lesebrille zur Grundausstattung. Sonst kann ich die Zahlen einfach nicht mehr lesen. 😊

Meine Isolationshose war eine gute Entscheidung

Meine Isolationshose war eine sehr gute Entscheidung. Ebenso die lange Regenhose. Die hat neben Regen auch noch den kalten Wind abgehalten. Gerade während der Nacht und nach unserer Pause in Böblingen war ich wirklich froh über die zusätzliche Wärme.

Labello mitnehmen und Labello benutzen sind zwei verschiedene Dinge.

Nach dem Albpacka hatte ich mir fest vorgenommen, immer einen Lippenpflegestift dabeizuhaben. Damals waren meine Lippen nach der Tour so aufgesprungen, dass ich noch tagelang etwas davon hatte. Diesmal hatte ich tatsächlich einen dabei. So weit, so gut. Man müsste ihn halt auch benutzen!! Ich glaube, mehr muss ich dazu nicht sagen.

Arschcreme ist keine überflüssige Luxusausstattung.

Während meine Oberschenkel erstaunlich wenig Probleme gemacht haben und auch die Knieschmerzen irgendwann wieder verschwunden sind, hatte mein Hintern eine deutlich andere Meinung zu unserer Unternehmung. Für das nächste Mal kommt deshalb definitiv Arschcreme mit.

Eine Steige ist steil. Punkt.

Ich weiß inzwischen, dass man sich in Schwaben bei dem Wort „Steige“ auf einiges gefasst machen sollte. Besonders die Lenninger Steige ist mir in Erinnerung geblieben.

Jede Reise beginnt mit dem ersten Tritt.

Unsere Strategie, das große Ganze in kleine Abschnitts-Happen einzuteilen, hat sich bewährt. Ein bisschen fahren, ein paar Nüsse essen, etwas trinken und nicht ständig darüber nachdenken, wie viele Kilometer noch vor uns liegen. Wir haben uns immer nur auf das nächste Ziel konzentriert, und das funktioniert ziemlich gut.

Auch wenn ich zugeben muss, dass ich gegen Ende natürlich trotzdem ständig angefangen habe zu rechnen. Wie viele Kilometer noch? Wie viele Höhenmeter? Wann sind wir endlich da? Leider hat mein Garmin mir nicht immer die Antworten geliefert, die ich gerne gehabt hätte.

Und wie würde ich meinen Körper darauf vorbereiten?

Mehr Training wäre sicherlich gut und die größten körperlichen Probleme hatte ich tatsächlich beim Sitzen. Dabei macht mein Hintern da normalerweise weniger Theater. Aber: Irgendwas ist ja immer 😊

Was ich insgesamt interessant finde: Früher hätte ich mich wahrscheinlich viel stärker damit beschäftigt, ob ich ausreichend trainiert habe, ob meine Leistung gut genug war oder ob ich eine solche Strecke vielleicht noch schneller schaffen könnte. Inzwischen freue ich mich einfach über das Erlebnis und dass ich solche Abenteuer noch machen kann. Das hört also nicht mit 30 oder 40 Jahren plötzlich auf. Ich habe momentan bei Weitem nicht die Trainingszeit, die ich früher einmal hatte und vielleicht gerne hätte, aber trotzdem kann ich mich morgens aufs Gravelbike setzen, fast 300 Kilometer fahren und am nächsten Morgen wieder zu Hause sein. Das finde ich schon ziemlich großartig.

Was bleibt vom Sugerle?

Natürlich bleiben die vielen kleinen Geschichten. Die nassen Handschuhe bei Hardys Bikeshop, die leckeren Flachswickel in Bissingen, die tolle Aussicht auf das beleuchtete Stuttgart und mein ziemlich eigenwilliges Beleuchtungssystem. Die Begegnungen mit anderen Teilnehmern, das nächtliche Kopfkino im Wald und meine spontane Gesangseinlage. Und natürlich die herzliche Begrüßung im Ziel mit einer warmen Maultaschensuppe.

Ich finde diese Bikepacking- und Ultracycling-Szene wirklich wahnsinnig sympathisch. Man trifft Menschen, die ganz unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen und trotzdem diese Begeisterung für lange Strecken, schöne Landschaften und ein bisschen Abenteuer teilen.

Ich bin froh, dass Dani und ich uns nach dem Albpacka wieder auf so etwas eingelassen haben und ich habe wieder einmal gemerkt, wie gut es mir tut, einfach lange draußen unterwegs zu sein. Vielleicht ist das für mich sogar der wichtigste Grund, warum ich solche Touren so gerne mache. Nicht die Kilometer. Nicht die Höhenmeter. Und schon gar nicht irgendeine Platzierung. Sondern dieses Gefühl, nach Hause zu kommen und innerlich wieder ein bisschen aufgeräumter zu sein.

23,5 Stunden Fahrradfahren – und plötzlich ist im Kopf wieder Platz. Ich glaube, das war mein schönstes Learning vom Sugerle 2026.

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