Tag 2: Trans Germany: Lermoos – Pfronten

75 km, ca. 1870 hm,  3:57 Stunden, Platz 29

Nachdem mein  Auge die ganze Nacht geeitert hat – sehr appetitlich  â€“ wache ich mit einem vollkommen verklebtem Auge auf. Wie trainiere ich mein Auge darauf sich besser an Dreck und Schlamm anzupassen 😜?

Das FrĂŒhstĂŒck verlĂ€uft ziemlich entspannt. Einer meiner netten Teamkollegen merkt an

„Du siehst ja aus wie wenn Du eine Nacht durchgesoffen hĂ€ttest “

Halloooo?? Ich habe ein schlimmes und ein weniger schlimm eiterndes Auge! Und bei durchgefeierten NĂ€chten bin ich am nĂ€chsten Tag außerdem per se nur mit Sonnenbrille anzutreffen, klĂ€re ich ihn auf.

Fast wie im richtigen Urlaub

Heute beginnt das Rennen erst um 11 Uhr. Das ist ja schon fast wie ausschlafen und wie im richtigen Urlaub – im Gegensatz zur Transalp Challenge. Die startet jeden Tag um 9 Uhr und man kommt meistens viel spĂ€ter ins Ziel, da die Strecken lĂ€nger sind, schwieriger und mehr Höhenmeter haben.

Weil unser Team gestern in 2 unterschiedlichen Hotels ĂŒbernachtet hat und wir am Abend unsere dreckigen Klamotten zum Waschen ins andere Hotel bringen konnten, mĂŒssen wir nachdem wir uns fertig gemacht haben, erst einmal zu den anderen fahren und Trikots, Handschuhe etc. wieder einsammeln. Netterweise – es regnet nĂ€mlich zur Abwechslung und hat auch die ganze Nacht durchgeschĂŒttet – werden wir und unser restliches GepĂ€ck mit dem gemieteten Sprinter abgeholt und rĂŒbergefahren.

Beutel zur besseren Organisation.
Andrea sei Dank đŸ„°

Durch ein absolut geniales „unterschiedliches Beutel Packsystem“ kann ich mich so gut organisieren, dass sich alles was ich fĂŒr die Strecke brauche (Luftpumpe, Gels, Snickers (!), zusĂ€tzliche Windweste, ipod (!) – im Robustheits-Test fĂŒr den ipodshuffle habe ich sicher die meisten Erfahrungen aus der Praxis – in einem Beutel wiederfinde und deshalb nicht stĂ€ndig panisch suchen muss: wo sind meine Handschuhe, wo ist mein Bandana, wo ist xyz? 😁

So organisiert mĂŒsste ich mal im Alltag sein Nachdem ich meine Sachen alle gefunden habe (Trikots etc. waren in der Pension in den verschiedensten Zimmern, SchrĂ€nken, Heizungen etc. verteilt), muss ich mein Rad noch Test-fahren. Nach den unzĂ€hligen Kettenklemmern vom gestrigen Tag, habe ich jetzt eine neue Kette drauf und muss kurz testen, ob alles funktioniert. Ich fahre die Straße auf und ab und ein paar steile Seitestraßen-Teerstiche hoch und es scheint alles zu passen. Toi, toi, toi. Die Straßen haben sich zu wahren SturzbĂ€chen entwickelt und es ist Wahnsinn, was die Menschen hier an Wassermassen aus ihren Kellern pumpen.

Hochwasserfluten und SturzbÀche behindern die Strecke

Am Start erfahren wir dann auch, dass die Strecke etwas abgeĂ€ndert werden musste, da das Hochwasser Teile der ursprĂŒnglichen Strecke unbefahrbar gemacht hat.  Heute liegen 3 ca. 400 hm lange „Berge“ vor uns. Und Ulrich Stanciu kĂŒndigt an, dass wir mit ziemlich viel „Wasser von unten“ zu rechnen haben. Das bewahrheitet sich ab Kilometer 6 – von 74! – und ich bin bereits jetzt patschnass bis hoch zu meiner knielangen-Regenhose.  Meine Laune ist heute wirklich im Keller. Das nervt!

Mein treuester Wegbegleiter; 
Eine Liederliste meiner Favoriten gibts demnÀchst

Außerdem komme ich so schlecht aus den Startlöchern (das Schnitzel vom Vorabend ist eindeutig schuld an meinen schweren Beinen), dass mich – gefĂŒhlt – Millionen von Fahrerinnen auf ersten Metern ĂŒberholen. Das kann heiter werden. An diesem Tag werde ich wahrscheinlich wenig Spaß haben. Am ersten Berg ĂŒberhole ich dann einige wieder und ich fĂŒhle mich schon etwas besser. Ich treffe auch auf Mandy (meine Gegnerin von gestern), mal schauen wer heute schneller ist, aber dann habe ich meinen langsamen Start wohl wieder wettgemacht.In Lermoos hat man im Normalfall einen wunderbaren Blick auf die Zugspitze und – ich habe mich aufklĂ€ren lassen – die Mieminger Kette. Aber heute ist alles grau in grau. Hoffentlich kommen wir bald ins Ziel.

Die verflixte Technik!

Beim Anstieg auf den 2. Berg dann beginnt es. Ich kann vorne nicht mehr auf mein kleines Ritzel schalten. Verdammt! O.K. nur nicht runterziehen lassen, dann fahre ich eben wie mit dem kleinsten Rennradgang hoch. Da bin ich ja auch schon ĂŒber die Alpen gekommen. Das wird fĂŒr die verbleibenden 35 bis 40 Kilometer mein Mantra: „ist alles wie beim Rennrad fahren. Wer braucht schon die kleinsten GĂ€nge?“ Das klappt erstaunlich gut an Berg 2 und ich muss nur einmal wirklich absteigen.

BeflĂŒgelt von meinem unglaublichen Psychotrick und etwas nervös vor dem letzten Berg, stĂŒrze ich dann leider auf der folgenden Teerabfahrt beim „Überholansatz“ der Nummer 660 (was man sich alles so merkt). Volle Kanne ĂŒber den Lenker. Auf die Nase und die Brust. Super gemacht. Es ist halt einfach sauklitschig.  Erste Bestandsaufnahme: Das Visier meines Helms hat sich verabschiedet und muss wieder montiert werden. Es klebt Blut daran (Wo kommt das her??), mein Rad scheint unbeschĂ€digt und der nette Fahrer, der anhĂ€lt um mich zu fragen, ob alles in Ordnung ist, bestĂ€tigt mir, meine Nase blutet, ist aber wohl nur eine SchĂŒrfwunde. Zumindest sitzt sie noch ganz gerade. Meine HĂŒfte schmerzt auch etwas und eben meine Brust.  Na gut, dann fahre ich mal weiter.

Der letzte Berg

Es lĂ€uft ganz gut und am letzten Anstieg bin ich nur am Überholen. Es hat auch Vorteile, wenn man in keinen kleineren Gang mehr schalten kann. Dann muss man einfach schneller hoch. Irgendwo am letzten Berg steht das Auto der Rennleitung mit dem Leitungsteam an der Straße. Und Uli Stanciu klatscht mir persönlich  zu Nach 3:57 Minuten komme ich dann ins Ziel. Cool, noch unter 4 Stunden. Und sogar mit einer etwas höheren Durchschnittsgeschwindigkeit als gestern, wunderbar. In Pfronten angekommen wartet auch gleich unsere nette Zielverpflegungshelferin Nicole mit Tee (super!) und der Sprinter, der ins Hotel fĂ€hrt, das sich in einem anderen Ort befindet. Und zwar in Vils – in Österreich. Arrgh! Ich verlange einen Zuschuss zu meinen Roaming-GebĂŒhren!

Nahaufnahme Schaden 

Wir haben eigentlich ein sehr cooles, gerĂ€umiges Appartement mit KĂŒche und riesiger Badewanne. Blöd nur, dass das Wasser aus dem Hahn eher sehr, sehr lauwarm ist. Dann also Duschen auf Etappen. Meine Nase schmerzt und ist etwas geschwollen und meine Knie sind beide blau und ziemlich zerschunden. An meiner linken HĂŒfte macht sich ein großflĂ€chige Schwellung bemerkbar. Schön langsam brauche ich gar nicht mehr zum Massieren gehen, weil meine Beine so verschrammt sind.

Außerdem: Meine tolle blaue Regenjacke von Jeantex  ist kaputt.  So ein Scheiß! Und jetzt ist Jeantex auch noch pleite oder produziert zumindest nicht weiter und ich kann sie nicht nachkaufen. Blöd! Und meine Oakley-Sonnenbrille ist etwas in Mitleidenschaft gezogen und am BĂŒgel verschrammt. Na dieser saublöde Sturz hat sich wirklich gelohnt.  Aber immerhin: die Schlacht gegen Mandy habe ich gewonnen. Sie ist heute ein paar PlĂ€tze hinter mir. Ebenso wie meine Teamkolleginnen,  allerdings bin ich defektfrei durchgekommen und Gisela zum Beispiel hatte da etwas Pech. Na ja Rad-Defekt gegen Sturz 


Heute sind statt 119 nur noch 116 Damen mitgefahren. Eine Aussteigerin kenne ich: Andrea, meine Trainerin wurde gestern am Knie genĂ€ht und widmet sich jetzt voll und ganz unserer Streckenverpflegung đŸ˜©.

Das finde ich gut, vielleicht hat das schlechte Wetter bei den anderen 2 Damen auch noch einen zusĂ€tzlichen Anreiz gegeben đŸ€ȘDas Essen am Abend ist super! Der Gastwirt verwöhnt uns ganz stolz mit einem 3 GĂ€nge MenĂŒ. Hervorragend! 😜

Ein bisschen schade ist, dass wir nicht viel von der AtmosphĂ€re der Veranstaltung mitbekommen, da wir nicht auf die Pasta Partys gehen und so weit weg vom Etappenort schlafen, aber was solls. Bei dem Wetter hĂ€lt sich die Stimmung wahrscheinlich  sowieso in Grenzen.

Vor dem ins Bett gehen fÀngt mein rechtes Auge dann noch zu brennen an wie wenn ich noch 2 bis 3 Kiesel von gestern drin stecken hÀtte, also die Erlebnisse wÀhrend eines Radetappenrennens sind einfach unbezahlbar.

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