Teil 2 Sugerle 2026: Lampendebakel, nächtliches Kopfkino und ein kleines Privatkonzert im Wald

Es wird dunkel, und damit beginnt der Teil unserer Sugerle-Tour, auf den Dani und ich uns ganz bewusst eingelassen haben: Wir wollen die Nacht durchfahren, ohne Schlafpause und möglichst innerhalb von 24 Stunden wieder im Ziel sein.

Bis hierhin hat das auch ziemlich gut funktioniert. Wir haben schon 170 Kilometer geschafft und über die Hälfte der Höhenmeter hinter uns und die Beine machen noch gut mit und der dritte Kontrollpunkt liegt bei der Firma Focus so ziemlich direkt vor unserer Nase 😊. Wir rollen über einen Waldweg weg vom Schloss Solitude und bei Focus gibt es Wasser, Brownies und den nächsten Stempel für unsere Stempelkarte, bevor wir uns wieder auf den Weg machen.

Die letzten Reste des Tageslichts sind schon seit einiger Zeit verschwunden, und ich freue mich tatsächlich auf die Nachtfahrt. Ich mag diese besondere Stimmung, wenn es auf den Straßen ruhiger wird und man sich irgendwann fast nur noch auf den Lichtkegel vor dem eigenen Fahrrad konzentriert. Allerdings setzt das voraus, dass man einen vernünftigen Lichtkegel hat. 🤪

Mein ganz persönliches Lampendebakel

nächtlicher Ausblick

Denn wir haben kaum den Checkpoint verlassen, da geht meiner Fahrradlampe vorne der Akku aus. Ausgerechnet auf einer Straße, auf der wir gerade nicht gut anhalten können. Das Rücklicht funktioniert immerhin noch, und Dani fährt vor mir, sodass wir zumindest bis zur nächsten Haltemöglichkeit kommen. Hier halte ich an und beginne, meine Beleuchtung umzubauen.

Ich habe ja vorsichtshalber mehrere Lampen dabei und bin davon ausgegangen, dass ich für alle Eventualitäten gerüstet bin. Nur die Befestigung der Ersatzlampen hätte ich vielleicht etwas gründlicher durchdenken sollen.

Ich nehme mir die Stirnlampe aus der kleinen Tasche meiner Regenjacke und befestige sie am Navi. Das funktioniert ganz gut. So erklimmen wir den Birkenkopf. Dort werden wir mit einem wunderschönen Blick auf das nächtlich beleuchtete Stuttgart belohnt. Unter uns glitzern die Lichter der Stadt, und für einen Moment bleiben wir stehen und genießen einfach die Aussicht.

Ich nehme meine Stirnlampe vom Kopf und befestige sie auf meinem Helm. Bei der Abfahrt stellt sich diese Konstruktion allerdings als nicht besonders stabil heraus. Beim nächsten Holperer auf der Straße rutscht die Lampe aus ihrer Position und ich sehe nichts mehr.

Arghh. Schon wieder anhalten.

Ich montiere die Stirnlampe wieder am Navi. Allerdings mit klammen Fingern auf der Abfahrt ist das nervig. Na wenigstens sehe ich wieder, wo ich hinfahre. Immerhin! Und ich habe eine Backup-Lampe in der Arschrakete.

Kilometer 200 – Zeit für McDonald’s

Pause bei Mac Donalds

In Böblingen, ungefähr bei Kilometer 200, schlägt Dani vor, bei McDonald’s anzuhalten, damit wir uns aufwärmen und unsere Geräte aufladen können. Mir geht es eigentlich noch ganz gut, und ich weiß, dass mir längere Pausen bei solchen Touren nicht unbedingt guttun. Wenn ich erst einmal warm und gemütlich irgendwo sitze, fällt mir das Weiterfahren erfahrungsgemäß deutlich schwerer.

Andererseits ist es inzwischen wirklich arschkalt, und trockene Kleidung kann sicher nicht schaden. Also machen wir Pause. Ich ziehe mich um, schlüpfe in warme und trockene Sachen und bin sehr froh, dass ich bei meiner Packliste nicht allzu sparsam gewesen bin. Meine Isolationshose leistet jetzt wirklich gute Dienste und auch das Skiunterhemd.

Als wir schon wieder kurz vorm Abfahren sind, trifft dort ein anderes Team ein. Die Frau ist ziemlich durchgefroren und das kann ich so gut nachfühlen! Ich erinnere mich wieder an das Albpacka im Mai. Brrrr.

Wir packen unsere Sachen zusammen und fahren weiter. Als wir nach der Pause starten, passiert genau das, was ich befürchtet habe: Ich friere fürchterlich. Trotz trockener Kleidung und zusätzlicher Schichten ist mir erst einmal kalt. Zum Glück wird das schnell besser, sobald wir wieder ordentlich in Bewegung sind. Körperlich geht es mir ansonsten erstaunlich gut. Die Oberschenkel machen überhaupt keine Probleme. Allerdings stelle ich fest, dass ich dringend eine Lesebrille gebrauchen könnte. 😊

Was steht da noch einmal auf meinem Navi?? Ich muss immer wieder über meine Brillengläser hinweg darüber spicken.
Hm … vielleicht liegt es ja auch nur an der Dunkelheit oder der Müdigkeit, denn mit knapp über 50 bin ich ja noch ein Jungspund in der Ultracycling-Szene … na wahrscheinlich eher nicht 😊

Ein Tor, ein dunkler Wald und der Hund von Baskerville

Nach Böblingen führt uns die Strecke durch einen Naturpark in Richtung Tübingen.

Ok, ich gebe zu: Tagsüber hätte ich den Naturpark vermutlich deutlich schöner gefunden. Jetzt ist es halt insgesamt sehr viel Wald und auch mal ein schmaler Waldpfad … brrrr … ich würde hier nicht sehr gern alleine durchfahren. 😬

Gefühlt in “the-middle-of-nowhere” stehen wir plötzlich vor einem ziemlich großen Tor.

Hm … wo geht es denn jetzt weiter?

Das wirkt auf mich eher wie der Eingang zu einem militärischen Sperrgebiet. Ich bin mir schon fast sicher, dass wir hier eigentlich gar nicht durchdürfen. Aber dann würden wir nicht weiterkommen.
Ahh … das Tor lässt sich tatsächlich öffnen. Ein Schild weist außerdem darauf hin, dass man das Wild im wunderschönen Naturpark in Ruhe lassen soll.

Und damit ist meine Fantasie geweckt. Was für Wild ist denn hier unterwegs? Und warum braucht es so ein riesiges Tor? Ich stelle mir sofort vor, dass irgendwo zwischen den Bäumen riesige Tiere herumlaufen, die uns möglicherweise nicht ganz so sympathisch finden. Besonders gern denke ich dann an den Hund von Baskerville oder an riesige Wildschweine.

Während wir durch den Wald fahren, lausche ich immer wieder auf die Geräusche, die ich tagsüber vermutlich überhaupt nicht beachtet hätte. Ich finde Nachtfahrten eigentlich großartig, aber so ein dunkler Wald hat schon seine ganz eigene Atmosphäre. Und eine penetrant neugierige Eule verfolgt uns mit ihren Buhu-Rufen durch den ganzen Wald. Als uns der Wald dann schließlich ausspuckt, bin ich froh. Allein wäre ich hier nur ungern unterwegs gewesen.

Wenn die innere Rechenmaschine wieder anspringt

Gegen zwei Uhr morgens erreichen wir Tübingen. Wir sind inzwischen noch ca. 50 km vom Ziel entfernt und ich beginne die Höhenmeterstrecken (mein Navi zeigt mir die einzelnen Anstiege an) zu addieren. Ich komme auf 12 verbleibende Kilometer mit Steigung. Na das scheint ja harmlos!
Und wann sind wir ungefähr wieder im Ziel? Ich versuche zu rechnen, aber meine Gehirnzellen sind schon ganz schön müde.

Und es kommt schon wieder die nächste Waldpassage. Das zieht sich wie Kaugummi! Langsam merke ich, dass die Müdigkeit immer mehr zunimmt. Zum Glück hat Dani Coffee Pocket dabei. Das Koffein bringt mich wieder auf Trab. Langsam fühle ich mich wieder munterer. Aber ich brauche eine weitere Anti-Müdigkeitsstrategie. Normalerweise höre ich ja Musik, aber irgendwie genieße ich dieses Mal einfach auch die Ruhe … ich bin hin- und hergerissen.

Ein Mörder hinterm Busch wäre jetzt auch wirklich unpraktisch

Ungefähr 30 Kilometer vor dem Ziel beginnt es wieder kräftig zu regnen. Da will ich keine elektronischen Geräte im Ohr haben. Wir halten an und ziehen unsere langen Regenhosen an, was nach so vielen Stunden auf dem Fahrrad auch nicht mehr ganz so elegant funktioniert wie zu Beginn.

Anschließend fahre ich ein kleines Stück voraus, während Dani hinter mir noch etwas erledigt. Ich stelle mich unter einen Busch und warte auf sie. Und plötzlich springt mein Kopfkino wieder an: Was wäre eigentlich, wenn jetzt plötzlich ein Mörder aus dem Gebüsch springen würde?

Ich weiß, das ist eine vollkommen bescheuerte Überlegung. Aber nachts, übermüdet, im Regen und irgendwo im Dunkeln scheint mein Gehirn eine gewisse Vorliebe für Kriminalgeschichten zu entwickeln. Ich überlege ernsthaft, ob ich laut genug schreien könnte, damit Dani mich hört, und ob wir den potenziellen Angreifer dann gemeinsam überwältigen könnten. Vermutlich keine besonders realistische Strategie. Aber immerhin bin ich gedanklich beschäftigt, bis Dani wieder da ist und wir weiterfahren können.

Der Hintern streikt, die Beine machen weiter

Während bis jetzt nur mein linkes Knie ab und an gemotzt hat, meldet sich jetzt noch eine andere Körperregion sehr deutlich zu Wort: mein Hintern. Und zwar nicht einfach nur mit dem üblichen leichten Unbehagen, das man nach ein paar Stunden auf dem Fahrradsattel kennt. Es fühlt sich an, als hätte jemand lauter kleine Nadeln in mein Sitzpolster gesteckt.

Ich versuche, immer wieder anders zu sitzen oder zwischendurch im Wiegetritt zu fahren, aber so richtig angenehm wird es nicht mehr. Immerhin machen meine Oberschenkel noch mit, und die Knieschmerzen, die ich zwischendurch hatte, sind wieder verschwunden. Darüber bin ich wirklich froh.

Ich versuche mich abzulenken und ich weiß gar nicht mehr genau, wie es angefangen hat, aber plötzlich fallen mir irgendwelche alten Chorlieder aus meiner Abiturzeit ein. Und weil wir gerade mitten in der Nacht einsam durch die Gegend fahren und außer Dani vermutlich sowieso niemand zuhört, singe ich einfach laut los.

Es folgen „Marmor, Stein und Eisen bricht“, ein bisschen Rosenstolz und alles Mögliche, was mir sonst noch einfällt. Erstaunlich, was man nach so vielen Jahren noch alles auswendig kann! Zumindest die Refrains 😊 Mein eigenes musikalisches Unterhaltungsprogramm funktioniert ziemlich gut. Ich werde wieder wach, mein Hintern leidet allerdings noch immer. Das nächste Mal kommt die Arschcreme definitiv in die Oberrohrtasche!!

Noch ein Wohngebiet. Und noch eins.

Irgendwann nähern wir uns Stuttgart, und ich bin fest davon überzeugt, dass das Ziel jetzt wirklich nicht mehr weit sein kann. Die Strecke führt uns allerdings durch ein Wohngebiet nach dem anderen. Immer wenn ich denke, dass wir gleich da sein müssten, gelangen wir nach dem Waldstück wieder auf eine Straße, noch eine Kurve und noch irgendein kleiner Anstieg.

Dazu zeigt mein Garmin inzwischen bereits viel mehr als 4.000 Höhenmeter an. What??? Wir haben doch nur maximal 3.900! Moment!
Ich beschließe, mich damit später zu beschäftigen. Und dann … endlich kommen wir zur Kopfstein-Passage, bei der wir am Morgen fast alle geschoben haben. Juhui!!

Maultaschensuppe um sechs Uhr morgens

Und dann sind wir tatsächlich da. Gegen sechs Uhr morgens am Sonntag rollen Dani und ich wieder ins Ziel. Nach ungefähr 23,5 Stunden, 290 Kilometern und einer kompletten Nacht ohne Schlafpause. Wir haben unseren Plan durchgezogen!

Die Begrüßung von Falk ist unglaublich herzlich, und Ben, der Gewinner der großen Runde, kümmert sich sogar um uns und serviert Maultaschensuppe. Ich finde das wahnsinnig nett. Da hat jemand selbst gerade eine unglaublich lange und anstrengende Tour hinter sich und sorgt trotzdem noch dafür, dass andere Teilnehmer etwas Warmes zu essen bekommen. Das finde ich richtig toll in dieser Ultracycling-Gemeinschaft 😊

Nach Suppe und alkoholfreiem Radler geht es erst einmal runter ins Wohnmobil, wo wir bis 11:00 Uhr schlafen, um uns anschließend wieder mit vielen glücklichen Sugars und Sugarles zum Abschlussessen um 12:30 Uhr auf der Marienburg zu treffen und auszutauschen. Über gemeinsame Begegnungen, die Strecke, die Begegnungen mit anderen und das restliche Leben 😊 Danke für dieses tolle Event, liebes Sugar-Team!

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