Alb-Packa 2026, Teil 3: 1. Mai, 5:00 Uhr: Die Schlafsack- & Pausenfrage

Wir ĂŒbernachten im Wohnmobil (ca. 1 km von Hardys HĂŒtte entfernt) und ich schlafe ziemlich gut und tief. Was eigentlich verdĂ€chtig ist, wenn man bedenkt, dass am nĂ€chsten Morgen 480 Kilometer SchwĂ€bische Alb auf uns warten.

Morgens steht dann die große Frage im Raum: Nehmen wir die SchlafsĂ€cke mit? Oder lassen wir sie doch da und optimieren wir unser GepĂ€ck?

“Ja, wir haben ja die Schutzdecke.”

“Nein, ich mag nicht frieren.”
“Mann, ich become den Schlafsack nicht in den kleinen Rucksack.”

“Zu viel GepĂ€ck ist Mist.”
“Na ja, er wiegt ja nix und ich liebe meine alten zerflederten Bikerucksack, der mich auf mancher Biketransalp begleitet hat.”

Das Ende vom Lied: Wir nehmen natĂŒrlich alles mit. Schlafsack, Isomatte und ich packe einen großen Fahrradrucksack, weil mein Schlafsack wirklich riesig ist und sonst nirgendwo hineinpasst.

Ich weiß zwar aus Erfahrung, dass zu viel GepĂ€ck ist bei solchen Aktionen nie gut sind, aber was soll’s. Ich wĂŒrde sagen: Man muss Fehler ja auch erst mal richtig mit Anlauf wiederholen, sonst lernt man nichts draus.

Etwas hektisch packen wir also unsere Taschen. Wobei „wir“ in diesem Fall vermutlich eher heißt: Ich. Ich wurschtle, fluche innerlich und versuche, aus einem Fahrrad, mehreren Taschen und einem Rucksack ein funktionierendes Setting fĂŒr die nĂ€chsten 3 Tage hinzubekommen. HĂ€tte ich ja wirklich nicht schon vorher machen können!!

Grr 


Kleiner Exkurs: Allerdings muss ich sagen waren die letzten Wochen einfach geprĂ€gt von viel Arbeit, Arzttermine & Pflegeorga fĂŒr meine Eltern und einiges fĂŒr meine eigene Familie zu organisieren, deshalb hatte ich wirklich extrem wenig Zeit.

Dann geht es los zu Hardys HĂŒtte. Dort gibt es seit 5:00 Uhr morgens frisch aufgebrĂŒhten Espresso. Die HĂŒtte liegt nur ungefĂ€hr einen Kilometer von unserem Wohnmobil entfernt.

Wir starten gegen 6:00 Uhr dorthin. Und es ist kalt. Nicht so ein „Ach, frisch heute und es wird sicher gleich warm“-kalt. Sondern eher dieses „Warum habe ich eigentlich Handschuhe an, wenn der Wind durchpfeift und meine Finger so ungelenk sind, dass ich diese Radtasche nie an den Lenker bekomme“-kalt.

In der HĂŒtte gibt es Cappuccino. Allein dafĂŒr liebe ich diesen Ort schon. Um 6:30 Uhr geht es los. Wir rollen als Letzte vom GelĂ€nde und kommen gleich noch einmal an unserem Wohnmobil vorbei. Da steht es: Friedlich, mit zwei warmen SchlafplĂ€tzen und verlockend. Ich könnte sehr gut noch eine Runde schlafen! Aber wir lassen es natĂŒrlich trotzdem links liegen.

Die ersten Kilometer: Noch ist alles harmlos

Bis nach Bad Urach ist die Strecke erst einmal ganz entspannt. Es ist kalt, ja, aber noch im Rahmen. Die Beine kurbeln. Der Kopf ist wach. Das Rad rollt. Alles gut.

Dann kommt der erste Anstieg zum Rutschenfelsen. Und damit auch der erste Moment, in dem klar wird: Die SchwĂ€bische Alb meint das hier ernst. Oben werden wir mit einem wunderbaren Ausblick belohnt. Und komplett naiv fahren wir sogar noch ein StĂŒckchen weg von der Strecke zu einem noch besseren Fotospot. Dabei stehen wir doch noch am Anfang! Ziemlich bald danach kommen wir zum ersten Highlight. Es liegt direkt beim SegelfluggelĂ€nde Roßfeld. Der Wind ist dort oben so heftig, dass er mir fast den Helm vom Kopf weht. Also kurz ĂŒber die Wiese zum “Highlight” und bloß schnell weg.

kurz nach dem Rutschenfelsen

kurz nach dem Rutschenfelsen

Juhui: Erstes Highlight geschafft. 590 Höhenmeter von ĂŒber 7.000 đŸ€©

Nach der Abfahrt treffen wir immer wieder andere Albpackas. Unsere Wege kreuzen sich, trennen sich, kreuzen sich wieder. Und es ist wirklich herrlich absurd: Einer fÀhrt an der Kreuzung links, einer rechts, einer geradeaus.

Offenbar fĂŒhren viele Wege nach Rom oder in diesem Fall: zurĂŒck nach Schopfloch.

Es ist sowieso das Lustigste an diesem Format. Du fĂ€hrst komplett allein durch den Wald, denkst dir: „So, jetzt bin ich also offiziell verloren in der Natur“, und plötzlich kommt in irgendeiner Ortschaft wieder ein Albpacka um die Ecke. Oder steht vor dir. Oder du hast jemanden lĂ€ngst ĂŒberholt und zehn Kilometer spĂ€ter ist dieselbe Person plötzlich wieder vor dir. đŸ€”

Man versteht nicht wie das sein kann, aber alle fahren weiter.

Schönberg, Unterhose und sehr fragwĂŒrdige GetrĂ€nke

Der zweite Anstieg fĂŒhrt hinauf zum Schönberg, umgangssprachlich auch „Unterhos“ genannt.

Unterhos??

Die Unterhos

Die Unterhos und ich ĂŒberlege mir gerade, ob ich fĂŒr einen Euro den Turm hinaufsteige đŸ€Ș

Oben wartet ein richtig nettes Team von Focus und versorgt uns mit Hefe- oder Nusszopf und Bananen. Mir war bis dahin gar nicht klar, dass Focus aus Stuttgart kommt. Wir ratschen ein bisschen mit den Jungs, freuen uns ĂŒber die Sonne und machen eine ganz entspannte Pause. Andere Alb Packas fahren vorbei 
 also ein gesundes Misstrauen wĂ€re hier vielleicht schon angebracht gewesen, aber wir wollen es ja “nur” schaffen.

Wenn ich zu diesem Zeitpunkt gewusst hÀtte, wie viel Weg noch vor uns liegt, hÀtte ich vielleicht nicht ganz so tiefenentspannt herumgesessen. Aber Unwissenheit ist manchmal auch eine Form von Regeneration.

Anschließend geht es einen richtigen Singletrail bergab. Mein frisch gekauftes Gravelbike denkt sich vermutlich:

„Entschuldigung? Ich bin kein Mountainbike!! Was ist denn hier schiefgelaufen?“

Und ich fĂŒhle mich erinnert an den 601er Singletrail am Gardasee 
 na ja nicht ganz so verblockt, aber trotzdem. Und einige andere Alb Packas wĂ€hlen diese Route auch.

Unten treffen wir eine Solo-Albpacka. Sie ist gerade ziemlich deprimiert, weil ihre Arschrakete nicht richtig hÀlt und sie nur zwei Stunden geschlafen hat. Offenbar haben neben ihrer Pension einige  Schwaben in den ersten Mai gefeiert.

Wir sprechen kurz mit ihr, können aber leider nicht helfen und fahren weiter.

Die 20-Prozent-Rampe und andere DemĂŒtigungen

Kurz danach wartet eine 20-Prozent-Rampe auf Teer. Gut, dass ich keinen Radcomputer habe, der mir solche Details anzeigt. Mein Körper meldet es auch so zuverlÀssig.

Es ist steil, sehr steil.

Ich schraube mich in Schlangenlinien nach oben und warte oben, scheinbar am Gipfel, im Schatten auf meine Partnerin.

Als sie kommt, stellt sich heraus: Das war noch nicht der höchste Punkt und wir zweigen weiter nach oben ab zum kleinen Rossberg.

typisch schwÀbische Wegzehrung: Linsen mit SpÀtzle

typisch schwÀbische Wegzehrung: Linsen mit SpÀtzle

Dort essen wir SpĂ€tzle mit Linsen zu Mittag, denn danach kommt erst einmal lange keine vernĂŒnftige Gelegenheit mehr zum Essen.

Learning Nummer eins: Beim nÀchsten Mal brauchen wir Kartoffeln und Nudeln im GepÀck!!

Auf dem Rossberg kommen viele Albpackas vorbei. Einige halten schon wieder gar nicht erst wirklich an. Und mir kommt das immer noch nicht spanisch vor 🙊.

Zellerhorn: Kreuzweg, Singletrail und 100 Kilometer

Nach der Abfahrt geht es weiter zum Zellerhorn. Hier mĂŒssen wir sogar einen Kreuzweg hinaufschieben. Oh no 😜 und (obwohl ich noch nicht aus der Kirche ausgetreten bin) ich weiß nicht mehr wie viele Stationen ein Kreuzweg hat, jedenfalls keine 12! Ich mag nicht weiter schieben đŸ˜©

Als wir dann endlich wieder auf einer Straße landen, verwandelt diese sich schon wieder in einen Singletrail, dieses Mal mĂŒssen wir allerdings bergauf schieben. Um das Zellerhorn herum.

Als Dani beim Überqueren einer Wiese auf den Gipfel deutet sage ich nur “Das kann nicht sein! Da mĂŒssen wir nicht hoch, wie soll, das denn mit dem Bike gehen!” Aber es gibt einen Weg um das Zellerhorn herum und der fĂŒhrt wirklich zum Gipfel.

Auf dem Zeller Horn

Auf dem Zeller Horn

Oben sind die ersten 100 Kilometer geschafft (mega!!!) und damit den ersten Teil der Komoot-Route. Dani hat die Route in mehrere Abschnitte unterteilt, und das ist gut so. Der Ausblick ist der Wahnsinn. Wir treffen ein weiteres Damen-Doppelpacka am Gipfel und beschließen, genau wie sie , bis Sigmaringen zu fahren um dort bei Kilometer 165 zu ĂŒbernachten.

Von 480 Kilometern ist das fĂŒr drei Tage natĂŒrlich nicht gerade ein gigantischer Fortschritt. Aber es fĂŒhlt sich jetzt schon sehr, sehr lang an. Und ich glaube: Mehr geht heute einfach nicht.

Burger King, Tiefpunkt und das Wunder der Weiterfahrt

Gegen 16:00 Uhr halten wir bei einem Burger King auf eine Fanta. Ich bin so mĂŒde, dass ich auf dem Stuhl einschlafen könnten und ich kann mir nicht vorstellen jetzt weiter Fahrrad zu fahren. Dani ermuntert mich mit den Worten:

“Das wird wieder besser.”

Ich sage nichts und nicke, aber ich denke:

“Nein. Das wird nicht mehr besser. Auf gar keinen Fall. Ich bin einfach nur steinmĂŒde.”

Dann fahren wir weiter. Und oh Wunder: Es wird besser.

Doch kein Hofcafé hier

Doch kein Hofcafé hier

Irgendwann landen wir zwischen Beuren und dem Donautal auf einer Bank (fast) vor einem Dorfcafé. Das Café ist allerdings noch zwei Kilometer in die falsche Richtung entfernt. Wir schauen uns an. Nein. Das machen wir nicht.

Stattdessen fahren wir eine holprige Straße hinunter. So steinig, dass sie mich schon wieder an den Gardasee erinnert. Danach landen wir endlich auf Asphalt im Donautal und rollen “gemĂŒtlich” ca. 40 Kilometer nach Sigmaringen. Klingt auf dem Papier gemĂŒtlich. Ist es aber an diesem Tag nicht wirklich. Und wie wir spĂ€ter feststellen: Es gibt einige, die hier in der NĂ€he schlafen, aber in der NĂ€he ihres Tracks, nicht so wir 

Sigmaringen: Dusche, Penne und sehr großer Stolz

Denn in Sigmaringen geht es noch einmal 50 bis 75 Höhenmeter hinauf zu unserem Hotel, dem Hotel Schmautz. Das klingt ziemlich wenig, ist am Ende eines solchen Tages trotzdem irgendwie nicht motivierend đŸ€Ș

Aber dann sind wir endlich da. Und der Gastgeber ist total nett. Er spendiert uns sogar noch eine Flasche Wasser. Allerdings will mein Körper gerade nur noch aus „Dusche. Essen. Liegen.“

Die Dusche ist großartig, die Betten wirklich super sauber und der von Herrn Schmautz empfohlene Pizzadienst liefert uns Penne Quattro Formaggi. Und ich sage es, wie es ist:

Diese Nudeln waren Wahnsinn!!

Vielleicht auch nur, weil wir 165 Kilometer und ĂŒber 3.000 Höhenmeter in den Beinen hatten. Keine Ahnung, aber in diesem Moment waren sie perfekt.

Um circa 20:20 Uhr sind wir in Sigmaringen angekommen. Gestartet waren wir um 6:30 Uhr. 165 Kilometer. Über 3.000 Höhenmeter. Erster Tag geschafft.

Und ich bin schon stolz. Richtig stolz. Ein Drittel haben wir geschafft! Unten im Ort macht die nÀchste BÀckerei um 5:30 Uhr auf. Na dann. Was soll da noch schiefgehen?

Alb Packa 2026: Unser zweiter Tag

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